Zweimal im Jahr drängen sich die Modereporter aus allen Teilen der Welt in den Salons der Pariser Haute Couture und orakeln: „... Dieses Mal kann es wirklich nichts Neues geben ... alles ist schon dagewesen ...“ Und doch gelingt es den Zauberlehrlingen von Schere und Nadel, stets irgend etwas „Anderes“ zusammenzubrauen, wenn auch nicht immer eine weltumstürzende Silhouette von verblüffenden Proportionen dabei herauskommt. Immer wieder nehmen sie ein paar Meter Stoff, machen ein Loch für den Kopf, zwei für die Arme und einen Zwischenraum für die Beine – keiner kommt darum herum. Daß man sich dieses Mal auf „Einzelheiten“ beschränkt, heißt aber nicht, daß alles beim alten bleibt: Vor allem sind es die Details, die dem Modebild das Aroma geben.

Nun wäre es falsch, sich ein Kleid oder ein Kostüm frischer Provenienz aus Paris oder eine gut nachempfundene Adaptierung zuzulegen und es dabei bewenden zu lassen – in der irrigen Annahme, daß man damit den aktuellen „Look“ der neuen Saison erworben habe. Gerade die auf subtilen Umwegen erzielte sympathische Einfachheit der neuen Modelle verlangt gebieterisch nach Ergänzungen „oben und unten“.

Dazu gehören zunächst die Schuhe, die sich von der nadelscharfen Spitze losgesagt haben: Sie sind weicher, vorn geschmeidig abgerundet oder wie ein Meißel schmal und gerade. Sie passen deshalb in Charakter und Temperament zur Silhouette der „femininen“ Frau. Das Maximum für den abendlichen Absatz beträgt sechs Zentimeter, aber es ist nicht schlimm, wenn man auf vier oder sogar drei hinuntersteigt.

Wichtiger noch als das, was „unten“ geschieht, ist die Krönung des Ganzen: die Frisur Sie hat dem „toupierten“ Bienenkorb, dem so oft vermottet aussehenden Haarturm, energisch die Tür gewiesen. Das Haar sieht wieder wie richtiges, weiches Haar aus. Es ist weder kraus noch wild gelockt; es paßt sich im Stil sowohl dem Hut als auch dem Gesichtstyp an. So ist es gar nicht überraschend, daß Kontraste friedlich nebeneinander auftauchen. „Frühlingsbrise“ – ein Stil, den Elizabeth Arden lanciert – wird glatt hinter das Ohr zurückgekämmt und fängt sich in einem weichen, sanft gelockten Knoten am Hinterkopf. Das Gegenteil von dieser ladyliken Coiffure sieht man bei einem anmutigen Vorschlag von Charles of the Ritz: Im Stil der Pagenfrisuren der Renaissance fällt das glatte Haar über Ohren und Wangen, um schließlich in Nackenhöhe in Art eines „Schwanenflügels“ zu enden.

Alexandre, der für den geschmackssicheren und anspruchsvollen Couturier Yves St. Laurent das I-Tüpfelchen der Modesilhouette entwarf, meint, daß man der schlichten Tagesfrisuren wegen am Abend zu kunstvollen Ergänzungen – nicht mit „Postiches“ zu verwechseln – greifen sollte. Dieser aparte und abwechslungsreiche Dekor besteht aus Naturhaar, das auf das der Trägerin genau eingefärbt ist. Es hat die Form von Orchideen, Blüten, Blättern oder ähnlichen Ornamenten, die im eigenen Haar mit Clips oder besonderen Nadeln befestigt werden. Um diese kleinen Kunstwerke zur Geltung zu bringen, darf das Haar nicht übermäßig kurz sein: halbe Pagenkopflänge genügt.

Manchmal haben Frisur und Hut die gleiche Linienführung. Ein Beispiel für diese kaprizöse Abart sind Yorns Frisuren à la Kambodscha. Sie bestehen aus drei übereinandergetürmten Chignons, so hoch, daß sie die schlanke Gestalt noch um zehn bis zwölf Zentimeter strecken ... und wer für diese „Abendtracht“ stimmt, findet Sommerhüte, die die Chignon-Idee in grobem Strohgeflecht akkurat wiederholen. Katharina Elisabeth Russell