Zeitlragen

Fragen wie die nach Gott dem Vater (falls die Metapher erlaubt ist), der da sei im Himmel (was immer in solchem Zusammenhang unter „Himmel“ verstanden werden mag), qualifizieren sich normalerweise nicht als „Zeitfragen“: Sie werden in die Rubrik „Ewigkeitsfragen“ abgeschoben und – nicht behandelt.

Da ist es denn schon eine rechte Sensation, wenn seit nunmehr drei Wochen Gott, dem glaubensfromme Christen das Attribut „der liebe“ zugeteilt haben, Gegenstand von Leitartikeln, Reportagen, gewichtigen Stellungnahmen und nicht mehr zu zählenden Leserbriefen in der britischen Presse geworden ist.

Das fing alles an mit der konzentrierten Inhaltsangabe eines Buches, die am 17. März von der englischen Sonntagszeitung „The Observer“ unter dem Titel „Unser Gottesbild muß weg“ (Our Image of God must go) veröffentlicht wurde. Dann kam das Buch selber – „Ehrlich zu Gott“ (Honest to God) – war am Tage seines Erscheinens vergriffen, erschien gleich darauf in ebenfalls sofort vergriffener zweiter Auflage, die dritte Auflage von 50 000 Exemplaren läuft durch die Maschinen, die vierte wird vorbereitet.

Folgende Thesen sind es, die die englische Offen tlichkeit so erregen:

  • Falls das Christentum weiterhin bestehen will, muß es eine Anziehungskraft auf die Menschen von heute ausüben, und zwar nicht nur auf die religiös eingestellten.
  • Der überwiegende Teil von uns, die wir heute leben, ist weltlich, nicht religiös eingestellt.
  • Indem der Mensch religiöse Neigungen abschüttelt, wird er mündig. „Gott lehrt uns, daß wir als Menschen leben müssen, die ohne ihn leben können.“
  • Gott sitzt nicht auf einem Thron im Himmel, zu dem eine „Himmelfahrt“ möglich wäre, aber er ist auch nicht auffindbar in irgendeinem metaphysisch zu verstehenden Jenseits. Vielleicht sollten wir das Wort „Gott“, in unserer Generation, überhaupt nicht mehr gebrauchen.

Nun hat man natürlich all dieses schon gehört, der eine oder andere von uns denkt selber ganz ähnlich. Sensationell wurde die Sache dadurch, daß als Verfasser der Thesen – des Artikels wie des Buches – ein kirchlicher Würdenträger vom Range eines Bischofs der anglikanischen Kirche zeichnete: Dr. John Robinson, ein gelehrter Theologe der Cambridger Schule und heute Bischof von Woolwich.