Von Ingrid Neumann

Die letzte große Flurbereinigung innerhalb der Thyssen-Gruppe wird nun aller Voraussicht nach nicht mehr lange auf sich warten lassen. In der Hauptversammlung der August-Thyssen-Hütte AG konnte Vorstandsvorsitzender Dr. h. c. Hans Günther Sohl den Aktionären nunmehr endlich erklären, daß die Hohe Behörde in Luxemburg bereit ist, die Ehe der Thyssen-Hütte mit der Phoenix-Rheinrohr AG zu sanktionieren.

Auf diesen Segen warten die Unternehmen nun seit Jahren. Der erste in Luxemburg gestellte Antrag – er datiert vom Spätherbst 1958 – zum Zusammenschluß der beiden im Mehrheitsbesitz der Thyssen-Erbinnen stehenden Konzerne war vor fast 3 Jahren von der ATH zurückgezogen worden, weil die Hohe Behörde damals ihre Genehmigung von weitreichenden Auflagen abhängig machen wollte, die in Duisburg unannehmbar waren. Es war insbesondere eine scharfe Investitionskontrolle von Seiten der Luxemburger Exekutive vorgesehen, die die Thyssen-Unternehmen dazu bewog, ihr Lieblingsprojekt zunächst zurückzustellen.

Aber es war kein endgültiger Verzicht. Im Mai vorigen Jahres ist der Antrag zum Zusammenschluß der beiden Ruhr-Konzerne erneut in Luxemburg vorgelegt worden. Diesmal mit mehr Erfolg. Wie der ATH-Chef mitteilte, glaubt die Hohe Behörde auch diesmal, nicht auf gewisse Auflagen verzichten zu können – sie liegen im einzelnen noch nicht fest –, aber die Thyssen-Verwaltung hat die offenbar nicht unbegründete Hoffnung, daß die mit der Genehmigung verbundenen Auflagen diesmal weder diskriminierend noch wettbewerbsbehindernd, also akzeptabel sein werden.

Damit konnte die Ehe der schon so lange im Aufgebot stehenden Partner dann tatsächlich vollzogen werden. Die August-Thyssen-Hütte wird die Aktienmehrheit von Phoenix-Rheinrohr übernehmen. Das wird im Wege eines Pakettausches der Thyssen-Erbinnen geschehen. Die Fritz-Thyssen-Vermögenverwaltung, das ist die Holding von Frau Amelie Thyssen, wird ihr Phoenix-Paket von nominell 144 Mill. DM Aktien – sie entsprechen gut 52 % des Grundkapitals – in Aktien der ATH umtauschen. Für diesen Umtausch, der im Verhältnis 1 : 1 vorgesehen ist, hat die Thyssen-Hütte noch ein genehmigtes Kapital von 182 Mill. DM, das dafür nicht ganz verbraucht wird. Ob den freien Aktionären der Phoenix-Rheinrohr-AG auch ein Umtauschangebot gemacht werden wird, ist noch nicht bekannt. Die ATH-Verwaltung müßte es wohl tun, wenn sie einen Organschaftsvertrag dieser neuen, mit Abstand größten Beteiligungsgesellschaft im Auge hat.

Das ATH-Kapital erhöht sich im Zuge dieser Transaktion von jetzt 484 auf 628 Mill. DM. Das ist für ein Montan-Unternehmen ein ansehnliches Grundkapital, dessen Verzinsung insbesondere in der gegenwärtigen Konjunkturphase kein Pappenstiel sein wird. Nach der Mehrheitsübernahme bei Phoenix wird sich für die Thyssen-Hütte selbst folgende Besitzkonstellation ergeben: Frau Amalie Thyssen wird ihre Beteiligung von jetzt nominell 17 Mill. auf 161 Mill. DM ATH-Aktien erweitern. Ihre Tochter, Gräfin Anita Zichy-Thyssen verfügt – über die Thyssen-AG für Beteiligungen – über ein ATH-Paket über nominell 163,8 Mill. DM Aktien. Beide Erbinnen zusammen werden also an dem – für diese Transaktion erhöhten – Grundkapital der August-Thyssen-Hütte mit knapp 52 % beteiligt sein. Allerdings werden nunmehr auch die 100 Mill. DM Thyssen-Aktien an die Fritz-Thyssen-Stiftung übertragen, eine Verpflichtung, die bei Gründung dieser Stiftung übernommen worden war, und die bisher nicht verwirklicht werden konnte. Das würde bedeuten, daß dann endgültig von dem neuen ATH-Kapital gut 22 % in Händen der Gräfn Zichy, knapp 14 % bei Frau Amalie Thyssen und knapp 16 % bei der Fritz-Thyssen-Stiftung liegen.

Für die August-Thyssen-Hütte setzt der Zusammenschluß mit der Phoenix-Gruppe einen bedeutenden Schlußstein auf dem Wege der Neuordnung des Konzerns nach dem Zweiten Weltkrieg. Vor den Aktionären des Unternehmens sagte Vorstands Vorsitzender Dr. Sohl dazu: „Die seit Jahren angestrebte Neuordnung im Thyssen-Bereich wird zu einer engen Zusammenarbeit unserer Unternehmen führen, die nicht nur eine größere Krisenfestigkeit für unsere Gruppe zur Folge hat, sondern auch dem gesamtwirtschaftlichen Interesse entspricht, das eine möglichst rationelle Erzeugung auf höchstem Leistungsstand erlangt.“