Wer leichtgläubig ist, der muß oft dran glauben. Ich bin es von Natur. Vor allem Frauen glaube ich aufs Wort. Frauen haben so etwas Überzeugendes an sich.

Gerade aber wenn es um die Wahrheit geht, kann ich hart und unerbittlich sein. Ich werde jetzt viele Frauen kränken, wenn nicht gar vor den Kopf stoßen, weil ich der Wahrheit die Ehre gebe und eine Legende entlarve, der auch ich jahrelang aufgesessen bin. Zugleich rühre ich damit wahrscheinlich an eines der vielen bundesrepublikanischen Tabus oder verbrenne, mir wenigstens die Finger an einem heißen Eisen.

Auch mir, wie vielen anderen Männern, hat so manche Frau, meist unter Tränen, gestanden, daß irgendwann einmal sich ein Mann ihretwegen das Leben genommen habe – und klagend hinzugefügt, wie schwer es sei, mit dieser Schild weiterzuleben, denn hätte sie vor der Tat sein Flehen erhört und sich ihm hingegeben oder aber ihn nicht verstoßen oder ihn nicht mit einem anderen betrogen oder wenn schon, dann wenigstens so, daß er nichts davon gemerkt hätte, dann wäre er ja noch am Leben! Dieser Gedanke, so scheint es einem, belastet ihr Gewissen auf fast unerträgliche Weise. Vor allem jene Damen machen einen höchst betroffenen Eindruck, die zwar keine Neigung zeigten, ihr Leben mit dem Verblichenen zu teilen, anläßlich seines Todes aber betrübt feststellen, daß sie diesen noch mit anderen Witwen zu teilen haben, ja mit ihren gar in Wettstreit treten müssen um die Frage, wegen welcher er sich umgebracht hat – wenn er sich überhaupt umgebracht hat, was noch sehr zweifelhaft ist – und nicht quietschvergnügt in Lima oder Laos hockt.

In Wirklichkeit hat sich kein Mann, der diese Bezeichnung verdient, in neuerer Zeit aus Liese zu einer Frau das Leben genommen! Männer können auf die unsinnigsten Ideen kommen, etwa darauf, mit einem Zaren in die Luft oder mit einer Rakete in den Weltraum zu fliegen oder freiwillig für irgendein Vaterland den Heldentod zu sterben, ohne sich vorher nach der Rente für ihre Hinterbliebenen erkundigt zu haben, all das bringen Männer ohne weiteres fertig; ja, sie sind auch durchaus imstande, Hand an sich zu legen, weil sie sich vom Leben mehr versprochen hatten oder einfach aus purer Langeweile – aber so gut wie nie wegen einer Frau. Und wenn gelegentlich einmal der Schein dagegen sprechen mag, so steckt doch hinter jeder Frau, wegen der sich ein Main angeblich vergiftet, erschossen oder ertränkt hat, ein anderer, wirklicher, tieferer Grund, ein höherer Sinn womöglich, und der Selbstmörder hat die Dame als Motiv vorgeschoben, weil er ihr noch nachträglich einen langgehegten Herzenswunsch erfüllen wollte. Wenn aber tatsächlich einmal ein Mann einer Frau wegen sein Leben aufgibt, dann höchstens, weil sie ihm im Diesseits so entsetzlich auf die Nerven gegangen ist und er wenigstens im Jenseits Ruhe vor ihr zu finden hofft.

So sehr Frauen darauf pochen mögen, daß ein toter Verehrer im Schlepptau auch recht anziehend auf Lebende wirken könnte, so geht es ihnen aber letzten Endes doch um etwas ganz anderes: Es handelt sich um eine Prestigesache unter Frauen. Es ist mindestens ebenso wichtig, einen toten Mann erwähnen zu können, der sich wegen einem umgebracht hat, wie einen lebenden zu besitzen, von dem man Chinchillas geschenkt bekommt. (Die wünschenswerte Kombination beider Typen ist sehr selten.)

Eine Frau, die nicht wenigstens auf einen Mann zurückblicken kann, der sie so heiß begehrte, daß er lieber ins kalte Grab sank, als ohne sie zu glühen, kann sich unter anderen Frauen kaun blicken lassen.

Einen Mann so weit zu bekommen, daß er mit ihnen lebt, daß trauen sich Frauen allemalen zu Aufregend wird die Sache eben erst, wenn einer ihretwegen stirbt. Weil die Selbstmordziffern erfreulicherweise nicht allzu groß sind, lassen Frauen häufig fünfe grade sein und buchen höchst zweifelhafte Grenzfälle – mysteriöse Badeunfälle, Tod durch Explosion im privaten Kellerlabor – auf ihr Konto. Ja, darin gehen sie notgedrungen so weit, daß sie schon einen blutigen Kratzer am Hals – vom Rasieren – als eindeutiges Indiz werten und die gelegentlich leichtfertig geäußerte Drohung eines Mannes: „Du bringst mich noch ins Grab!“ behende für bare Münze nehmen. Auf diese Weise ist die Mehrzahl der uns bekannten Männer schon irgendwann einmal um die Ecke gebracht worden.

Zum Glück leben die aber alle noch und werden eher an verspäteten Masern oder an dem vergifteten Pfeil eines menschenscheuen Urwald-Indianers sterben als an einer Frau.