„Juristisch einwandfrei“ aufgeschwatzt

Sie schämt sich, sie fürchtet die öffentliche Blamage oder das Hohngelächter ihrer Nachbarn, die alte Dame, Witwe eines Oberschullehrers in einer Kleinstadt im Württembergischen. Deshalb erzählt sie auch niemandem, daß der Briefträger ihr einen Zahlungsbefehl zugestellt hat. Nur dem Herren auf der Bank vertraute sie sich an, der schon seit Jahren ihr schmales Konto verwaltet. Aber der schüttelte den Kopf. „Jurischtisch ischt da nix zu mache. Wir müsse zahle!“ Die alte Dame zahlte.

Sie hat ein teures Lehrgeld zahlen müssen für die Erkenntnis, daß ein Kaufvertrag ein Vertrag ist, aus dessen Fesseln man sich nicht so ohne weiteres lösen kann. Daß an der eigenen Unterschrift unter dem Kaufabschluß nicht zu deuteln ist und daß man sich von keinem noch so gewandten und alerten Werbevertreter beschwatzen lassen darf.

Unsere alte Dame führt einen winzigen Haushalt. Es geht sehr altmodisch bei ihr zu, für den Badeofen muß sie sonnabends zwei Treppen Holz und Kohle heraufschleppen, und sie wünscht sich eigentlich einen elektrischen Badeboiler und einen Infrarotstrahler, der das kalte Badezimmer erwärmt. Ihr Gasherd in der kleinen Küche ist einer der ersten seiner Art, und ein moderner Elektroherd täte not. Sie kocht nur für sich selbst, und wenn einmal die Enkelkinder aus Stuttgart zu Besuch kommen, rührt sie in der schweren irdenen Schüssel einen Kuchen an. Ihr fällt das Rühren und Kneten nicht mehr so leicht, und vielleicht öffnete sie deshalb dem Vertreter die Tür und ließ sich die Küchen-Universalmaschine vorführen.

Der Apparat ist ein Tausendsasa, ein handliches Gerät, das auch „Ihr Helfer sein sollte“, so steht’s im Prospekt, den die schönsten Kuchen, Torten, Leberknödel und falschen Hasen zieren. Die alte Dame dachte an den Kuchen, und der rührige Vertreter kurbelte in einer halben Stunde seine Vorführung ab. Einen Fleischwolf braucht man nicht mehr. Mohrrüben, Gurken schnippelt der Apparat, Tomaten und Zitronen quetscht er aus, ob Mürbe-, Blätter- oder Hefeteig, alles rührt er, knetet er, Eiweiß und Schlagsahne schlägt er auch.

Die alte Dame war ganz benommen von diesem technischen Wundergerät auf ihrem Küchentisch, und ehe sie zur Besinnung kam: „Überlegen? Ach was! Hier brauchen Sie nur zu unterschreiben. 190 Mark kostet der Spaß“. Ja, warum eigentlich nicht?

Die Ernüchterung folgte bald. Als sie das Anleitungsbuch ausgiebig studiert hatte, stellte sie fest, daß der Apparat in der Tat sehr viel kann, aber Kuchen anrühren kann er nur mit einem Zusatzgerät, dem Knetrührwerk, und für das Beefsteaktatar braucht man das Zusatzgerät Fleischwolf. Ganz zu schweigen von dem Schnitzelgerät und der Frischsaftzentrifuge – sie würde es nie brauchen, das wußte auch der Vertreter. Aber er sagt: Wer kauft, kauft eben; bin ich denn ein Aufklärer?