KASSEL (Staatstheater):

„Il Re Cervo“ von Hans Werner Henze

Auch diese Neufassung der Oper „König Hirsch“ dauert mit Pausen, vier Stunden. Das ist zu lang, weil das Libretto Heinz von Cramers die Gestalten und Symbole der alten Märchenkomödie des Grafen Gozzi dramatisch nicht zu präzisieren vermag. Der Komponist wurde durch das Opernbuch in ein Labyrinth gelockt, dem er den Werkuntertitel „Die Irrfahrten der Wahrheit“ gab. Henze wollte begreiflicherweise seine Oper, die 1956 in Berlin Skandal erregt hatte, nicht verlorengeben. Sie stellte sich in Kassel streckenweise als „Neuschrift“ dar: Lichter in der Instrumentation, blühender im Melos, eine richtige Gesangsoper. Neue formale Erkenntnisse des Komponisten der „Elegie für junge Liebende“ und des „Prinz von Homburg“ wurden in die „Hirsch“-Partitur eingearbeitet, eine Symphonie aus dem zweiten Akt ausgeschieden. Aber auch die Neufassung wird ein Opfer ihres Textbuches bleiben. Das wurde in Kassel trotzdem evident. Die Aufführungsqualität übertraf nämlich alle Erwartungen. Unter dem Komponisten als Dirigenten spielte das Orchester erstaunlich differenziert. Ticho Parly (Leandro), Martin-Matthias Schmidt (Tartaglia) und Hanlie van Niekerk (das Mädchen) glänzten als Protagonisten eines Ensembles, das unter dem Gastregisseur Hans Hartleb romantische Oper spielte. Effektvoll die Ausstattung von Ekkehard Grübler, der sich mit diesen Entwürfen in die erste Reihe der deutschen Szeniker brachte. Die Oper hatte Publikumserfolg.

BERLIN (Schloßparktheater):

„Das irdene Wägelchen“ von Ferdinand Bruckner

Vor kurzem hatte das Forum-Theater einen neuen Versuch mit Bruckners erstem Stück, „Krankheit der Jugend“, unternommen. Es konnte nicht nur wegen der „wenig besser als laienhaften“ Aufführung nicht mehr die Zündkraft von 1928 entwickeln. Jetzt ist Bruckners letztes Stück (1957) auch nach Berlin gelangt, wo Bruckner alias Theodor Tagger als Autor und Theaterdirektor zwei wichtige Lebensabschnitte verbracht hat. „William Dieterles anmutige Inszenierung des irdenen Wägelchens ... wirkte als eine vollendete Würdigung Bruckners“, berichtet die Deutsche Zeitung. In dem Spiel von der Liebe der Bajadere, das dem indischen Volksstück „Vasantasena“ nachgebildet ist, war Gisela Stein (nach dem Urteil des Tagesspiegels) „für die schleierumwehte Inderin prädestiniert“. In weiteren Hauptrollen: Friedrich Siemers, Peter Kuiper, Herbert Grünbaum und Jürgen Thormann. „Sehr viel freundlicher Beifall.“

BERLIN (Schillertheater):