Soll man den Umstand, daß der deutsche Mann heute vorzugsweise „mit“, nämlich gefiltert raucht, als Zeichen dafür nehmen, daß er starken Tobak nicht mehr verträgt oder ihn sich zumindest nicht mehr zutraut – auch wenn er seinen abendlichen Skat absolviert? Das Starke, es ist ihm offenbar nicht mehr so ganz geheuer, liegt vielleicht auch nicht mehr so recht in seiner Art; denn nur das, so möchte man meinen, kann der Grund dafür sein, daß allenthalben so nachdrücklich Stärke gefordert wird.

Da verlangte neulich eine Firma von ihrem zukünftigen Reisenden, er müsse verkaufsstark sein.

Was das bedeutet, wird einem sofort klar, wenn anderswo ein „Kontaktreisender“ gesucht wird, welcher sich der „Marktpenetration“ zu widmen hat: Der Verkaufsstarke ist augenscheinlich „marktpenetrant“ – aber es ist verständlich, daß keiner um einen penetranten Reisenden annonciert, auch wenn er genau einen solchen meint. Die Stärke, sie ist gleichsam verhaltener, ist gezügelte Männlichkeit, gebändigte Vitalität, ist gesammelte Kraft, die es weit von sich weisen würde, als penetrant angesprochen zu werden.

Ein anderes Unternehmen bezeichnete sich selber als „stark“, nämlich als einen entwicklungsstarken Großbetrieb, in dem, bei aller Stärke, das „Arbeitsklima“ dennoch „angenehm“ sei.

Und warum auch nicht? Ein starkentwickelter Herr (Caesar sprach von dicken Männern, die nachts gut schlafen) mag durchaus gemütlich und sanften Wesens sein. Aber der „entwicklungsstarke Großbetrieb“ verstand sich wohl nicht als behäbig-korpulent, sondern eher als expansivpenetrant, derart gemahnend an jene Schönheitsmänner, die zur Schau gestellt und mistersüchtig ihre Brustkästen und Muskulaturen schwellen lassen, als seien sie an Preßluft angeschlossen. Fraglich bleibt, ob diese expansive, diese entwicklungsstarke Fülle denn auch wirklich Stärke ist. Besagte Firma möge es nicht ausdrücklich auf sich beziehen, wenn hier festzustellen ist, daß bezüglich der Entwicklungsstärke Wirtschaftsunternehmen und Laufstegmuskelmänner sich gelegentlich wechselseitig symbolisch erhellen.

Und dann fand ich die Anzeige, die einen Werbefachmann mit „gesunder Urteilskraft“ erheischte und in der es hieß: „Wir erwarten einen klaren, ausdrucksstarken Stil.“

Ausdrucksstark (wenn man davon ausgeht, daß nicht so etwas wie „eindringlich“ gemeint war) – ist das nicht fast ein Synonym für pathetisch? Sollen wohl die Werber pathetisch stilisieren? (Geschwollen, so sagt man gelegentlich dazu.)