Die Westdeutsche Bodenkreditanstalt profitierte vom Bauboom

Der Erwerb von Hypotheken mit der von uns beanspruchten Sicherheit war mit nicht unerheblichen Schwierigkeiten verknüpft... Ein erheblicher Theil der uns unterbreiteten Anträge führte nicht zum Abschluß, weil es uns nicht angängig erschien, den oft weitgehenden Wünschen der Antragsteller bezüglich der Höhe der Beleihung zu entsprechen.“ – Diese Sätze finden sich nicht im Geschäftsbericht einer Hypothekenbank für das vergangene Jahr, sie stammen aus dem Jahr 1894, als die Westdeutsche Bodenkreditanstalt in Köln-Westboden – kurz nach ihrer Gründung durch Banken das erste Mal Bericht erstattete. Damals war „die Ausleihung der eigenen Mittel“ vorrangige Sorge.

Heute kennen Hypothekenbanken diese Probleme nicht. Bei andauernder Konjunktur im Wohnungsbau konnte Westboden bei lebhaftem Geschäft für 83,4 Mill. DM Darlehen neu auszahlen, davon 66 Mill. für erste Hypotheken, die restlichen als Darlehen gegen Kommunaldeckung (lb- und lc-Hypotheken). Darüber hinaus wurde ein Überhang von rd. 90 Mill. DM zugesagter Darlehen in das neue Geschäftsjahr hinübergenommen.

Wenn wir dem eingangs zitierten Satz heute dennoch Bedeutung beimessen, dann wegen der traditionell vorsichtigen Geschäftspolitik von Westboden,der es nicht auf eine Expansion um der Expansion willen ankommt, sondern auf vorsichtige Beleihungen. So wird auf gewerbliche Hypothekarkredite kein großer Wert gelegt. Nur 26 der 7611 Hypotheken lauten auf über eine Million DM. Die Durchschnittshöhe der Deckungshypotheken liegt bei 43 820 DM. Lediglich 23 der 878 Kommunaldarlehen überschreiten die Millionengrenze.

Bemerkenswert ist, daß allein 81,5 % des gesamten Hypothekenbestandes der Bank an Kreditnehmer im Land Nordrhein-Westfalen gegeben worden sind, dagegen Kommunaldarlehen m eigenen Land nur 29,3 % des Gesamtbestandes ausmachen, während die restlichen Beträge sich auf die übrigen Bundesländer verteilen. Hier zeigt sich, daß Kommunalkreditnehmer eine größere Marktübersicht besitzen und bei der Kreditaufnahme weniger an örtliche Präferenzen gebunden sind.

Ertragsmäßig bezeichnet Westboden das vergangene Geschäftsjahr in gewohnter Weise bescheiden als „recht zufriedenstellend“. Auf den ersten Blick scheint sich die Ertragslage allerdings nicht wesentlich verändert zu haben. Wie im Vorjahr wurden 2 Mill. DM den Rücklagen zugewiesen und der Hauptversammlung am 19. Apiil werden wieder 16 % Dividende auf das im Vorjahr von 7 auf 10,5 Mill. DM erhöhte Grundkapital vorgeschlagen, die somit 1,4 (1,2) Mill. erfordern

Dennoch hat sich die Ertragslage weiter verbessert. Dafür spricht einmal der um fast eine Mill. DM erhöhte Zinsüberschuß und zum anderen die 2,1 Mill. DM, die nach der neuen Bilanzierungsmethode nach dem Hypothekenbankgesetz passivisch abgegrenzt, also gewinnausweismindernd gebucht worden sind und in den nächsten vier Jahren gewinnerhöhend aufgelöst werden dürfen. Auch betont die Bank, daß der gute Ertrag weiter die Vornahme angemessener Abschreibungen und Rückstellungen sowie die Bildung von Wertberichtigungen erlaubt habe. Daraus darf man schließen, daß hier in gewissem Umfang stille Reserven gebildet worden sind. Denn wie ließe sich sonst die an sich paradoxe Aussage verstehen, daß die Bildung von Rückstellungen – die ja nur ihrer Höhe und der Fälligkeit nach unbestimmte Verbindlichkeiten darstellen – von der Ertragslage abhängig war? Immerhin belaufen sich die sonstigen Rückstellungen mit nunmehr 4,2 Mill. DM auf fast das Doppelte des jährlichen Steueraufwandes. W. W.