Dff: „Modellfall Warschau“, ZEIT Nr. 11

In meinem Haus wohnt seit zwei Jahren eine Bergmannswitwe aus Gleiwitz, deren Mann wenige Monate nach seiner Entlassung aus russischer Internierung gestorben ist. Sie hat zwei Töchter, die ältere ist in Gleiwitz verheiratet, die jüngere ist hier bei ihr. Die ganze Familie hat sich in Hamburg registrieren lassen, und die Mutter hat mit der jüngeren Tochter im Herbst 1958 die Genehmigung zur Aussiedlung nach Deutschland erhalten. Die ältere Tochter hat mit ihrem deutschen Mann und ihren Kindern immer nur abschlägige Antworten bekommen, obwohl die Mutter von hier aus fünfmal eine Einladung – versehen mit den Stempeln der polnischen Militärmission in Berlin – geschickt hat. Der Schwiegersohn ist Schlosser auf der Zeche Sosniza in Gleiwitz 3, und man hat ihm bei der letzten Absage zu verstehen gegeben, daß er bei weiteren Versuchen eventuell nur als ungelernter Arbeiter beschäftigt würde.

Hildegard Erasmus, Linz

*

Ihrer Notiz, in der Sie die Errichtung einer bundesdeutschen Handelsmission in Warschau begrüßen, muß ich, eine traurige Nachricht, beifügen. Meine Verwandten in Gleiwitz (Oberschlesien) berichten in einem Brief vom 3. März, man habe am 1. März dieses Jahres vielen deutschstämmigen Arbeitern der dortigen Bergwerke das Arbeitsverhältnis gekündigt, weil diese sich bemühten, eine Ausreisegenehmigung in die Bundesrepublik Deutschland zu erhalten.

Im einzelnen wird geschildert, daß einer Frau, die schon vor drei Jahren den Ausreiseantrag bei der Wojewodschaft in Kattowitz gestellt hatte und mittlerweile vor anderthalb Jahren die endgültige Ablehnung des Antrages erhielt, jetzt das Arbeitsverhältnis gekündigt wurde. Dabei habe man ihr bedeutet, sie könne wählen: entweder Unterschrift unter eine Verzichterklärung auf weitere Bemühungen, nach Deutschland auszureisen, oder Kündigung des Arbeitsverhältnisses ohne Aussicht, andernorts eine Arbeitsstelle zu finden.

Wäre es nicht möglich, die zuständigen Stellen in Warschau darauf hinzuweisen, daß derartige Repressalien gegen die deutschstämmige Bevölkerung der ehemaligen deutschen Gebiete nicht geeignet sind, die Beziehungen zwischen den Nachbarn zu verbessern? Sollten nicht auch die Polen einen Beitrag zur Verbesserung des Verhältnisses leisten, indem sie die Deutschen, die ihre Heimat nicht verlassen haben, zumindest unbehelligt leben und arbeiten lassen, wenn sie ihnen eine Ausreise in die Bundesrepublik verweigern?