Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett...“, heißt es im Schlager. In Hamburg hätte Mimi einige ihrer. Helden in unmittelbarer Nähe sehen können: Den Generalsekretär der Interpol und den Chef der Royal Canadian Mounted Police. Nur: Mimi hätte die Helden ihrer schlaflosen Nächte unter den Gästen in der Halle des „Atlantik“-Hotels nicht erkannt. Während in der Regel Kriminalbeamte an ihrem „unauffälligen“ Verhalten auf hundert Schritt Distanz zu erkennen sind, verhielten sich Monsieur Marcel Sioot und Mister C. W. Harvison schlicht normal.

Es gab in Hamburg auch keine berühmten „Fälle“ aufzuklären. Vielmehr diskutierten die beiden prominenten Polizisten mit Journalisten über die Probleme der „verantwortungsbewußten Berichterstattung von Verbrechen“.

In Hamburg führten Reporter „aus allen Ländern der Erde“ erregte Klage über die Schweigsamkeit der Polizeibehörden und Staatsanwaltschaffen: „Wenn wir besser berichten sollen, müssen wir besser informiert werden.“ Auch der Chef der kanadischen Polizei gab zu, daß die berühmten rotberockten Polizisten Kanadas durch ihre Zugeknöpftheit der Presse gegenüber viel Sympathie bei der Bevölkerung eingebüßt hatten. Von dem Augenblick an jedoch, wo die unteren Polizeibehörden die Genehmigung erhielten, Auskünfte zu geben, habe sich sofort das Verhältnis zur Presse verbessert, und auch die Bevölkerung habe wieder ihr Herz für die Polizei entdeckt.

Auch der Chef der Interpol kennt diese Probleme: Allzu große Bereitwilligkeit bei Auskünften kann die Ermittlungsarbeit gefährden. Auf der anderen Seite ist die Schweigsamkeit von Polizeibehörden nicht selten der Anlaß für eigene Ermittlungen der Polizeireporter; so muß er abwägen, wie er seiner Sache am besten nützlich sein kann. Die Journalisten beklagten sich jedoch: „Immer dann geht der Vorhang herunter, wenn es um die Arbeit der Polizei nicht zum besten steht.“

Ob nun die Polizei zugeknöpft ist oder nicht – Schwierigkeiten bei der Berichterstattung gibt es immer noch genug. Da erzählte Rohan Rivett, der Direktor des Internationalen Presse-Instituts über seine Erfahrungen in Australien: In den Jahren der großen Einwanderungswelle konnte es nicht ausbleiben, daß auch die Neubürger mit den Gesetzen des Landes in Konflikt gerieten. Ohne dabei Böses im Schilde zu führen, schrieben also die australischen Zeitungen: Einwanderer schlägt junges Mädchen nieder“, oder „Einwanderer zückt das Messer“. Das Ergebnis war: Bei den Alteingesessenen wuchs der Haß gegen alle, die neu in das Land gekommen waren. Ein Reporter aus Kuala Lumpur konnte ergänzen: „Geradezu dramatische Auswirkungen haben Zeitungsberichte über Verbrechen in Malaja, wenn dabei erwähnt wird, zu welcher Rasse die Täter gehören.“

Zu dem Kapitel „Der Schutz des Individuums“ gehört die Entscheidung des Gerichtsberichterstatters, ob er die Namen von Verurteilten, von Angeklagten oder Beschuldigten nennen soll oder nicht. Niederländische Reporter berichteten, bei ihnen sei es feste Regel, grundsätzlich und in allen Fällen die Namen nicht preiszugeben, sondern sich mit den Anfangsbuchstaben zu begnügen. Doch auch das reicht nicht immer aus, Unheil zu vermeiden. So erzählte ein Gerichtsberichterstatter aus Tel Aviv die Geschichte von einem braven Friseur, dessen Existenz um ein Haar durch einen Zeitungsbericht vernichtet wurde. Es war gemeldet worden, ein Friseur sei unter dem Verdacht eines Sittlichkeitsvergehens verhaftet, worden. Um „das Individuum zu schützen“, war der Name des Betroffenen nicht genannt worden, sondern nur Beruf und Straße. Der Zufall wollte es jedoch, daß in dieser Straße nur zwei Friseurgeschäfte waren, und die Anwohner boykottierten nun, voller Empörung über das Vergehen, auch den Unschuldigen.

Man war sich auch im klaren, daß die Gerichtsberichterstattung manchmal zur „Doppel-Verurteilung“ führen kann. Wenige Monate Gefängnis, zur Bewährung ausgesetzt, weil bisher untadelig durchs Leben gegangen – damit kann ein Mensch fertigwerden, das braucht ihn nicht aus der Bahn zu werfen. Voraussetzung dafür aber ist, daß er sein Leben wie bisher weiterleben kann, daß er von den Nachbarn nicht über die Schulter angesehen wird, daß in der Schule nicht mit Fingern auf die „Kinder des Verbrechers“ gezeigt wird. Das alles aber kann geschehen, und es kann sich verhängnisvoller auswirken, als die Strafe selbst, wenn sich der Gerichtsberichterstatter nicht seiner Verantwortung bewußt ist und selbst bei Bagatellfällen glaubt, die Namen der Betroffenen der Öffentlichkeit preisgeben zu müssen.