Fast gleichzeitig mit der Beisetzung Walter Henns ging die letzte Fernseh-Arbeit dieser größten Regie-Begabung des deutschen Theater-Nachwuchses über den Bildschirm: seine Realisierung der Gogolschen „Spieler“ für das Fernsehen. Henn, dessen Bühnen-Genie in die Richtung einer schwerelosen und sehr heiteren Vergeistigung der jeweiligen Vorlage ging, hatte Mühe, mit dem neuen Medium Bekanntschaft zu schließen. Er wollte auch hier etwas Besonderes und Eigenes, aber er war seiner Mittel noch nicht sicher. Sein erster Fernseh-Versuch mit Gogol, seine Inszenierung der Adamowschen „Mantel“-Version, war an diesem Tasten und Ausprobieren zugrunde gegangen; sein zweiter und letzter Versuch zeigte ihn nun schon fast sicher in der Beherrschung des neuen Mediums. Damit ist nicht nur die Konsequenz gemeint, mit der Henn das alte und auch schon etwas abgenutzte Motiv vom betrogenen Betrüger aus der Sphäre der derben Komik in die der intellektuellen Ironie zog; nun zum erstenmal mußte er auch mit der Kamera behutsam und sparsam und mit den technischen Möglichkeiten des Apparates ebenso überlegen wie zurückhaltend umgehen. Das war noch keine Meisterleistung, und auch der frühe Tod Henns macht es nicht nachträglich dazu. Aber es ließ erkennen, daß auch auf diesem Felde von Henn etwas von höchstem Rang zu erwarten gewesen wäre und daß Graß es schwer haben wird, für die Verfilmung seines Danziger Stoffes auch nur einen annähernden Ersatz zu finden.

Beim zweiten Stück Literatur, das in der zurückliegenden Woche auf dem Bildschirm präsentiert wurde, Schnitzlers „Leutnant Gustl“ in der Inszenierung von John Olden, war mit der Dichtung, die für das Fernsehen gewonnen werden sollte, gewaltsam umgesprungen worden. Ernst Lothars Dramatisierung der Novelle entnimmt ihr nur noch das äußere Handlungsgerüst. Dies war kein Stück von Schnitzler und kein Stück nach einer Novelle von Schnitzler und keine verfilmte Erzählung von Schnitzler, sondern ein sehr spielbares, wenn auch mit äußeren Effekten angereichertes Stück nach Motiven von Schnitzler.

Oldens Regie dämpfte bis auf das Plädoyer des Verteidigers die allzu derben Töne, so daß doch noch etwas sehr Sehenswertes zu besichtigen war. Man muß der ironischen Nonchalance Schnitzlers verfallen sein, um am Ende doch Mißvergnügen zu empfinden. Lupus