Viel Mausgrau am Roulett – Die wöchentliche Abreibung Man erschießt sich nicht mehr

Von Georg Zivier

Natürlich spielen die Glücksspieler, um Geld zu gewinnen, oder überhaupt um zu gewinnen, zum Beispiel wie beim Schach, heißt es. Aber ist es wirklich so, immer? Ich möchte ein wenig von mir selbst erzählen und von Beobachtungen, die ich gemacht habe.

Zum Schachspielen bin ich zu ungeduldig, eingeschüchtert überdies durch meinen Vater, der ein Simultan- und Blindspieler war. Die „edlen“ Kartenspiele wie Bridge und Skat locken mich nicht, und an dem vulgären Kartengeklopfe habe ich nicht einmal als Soldat im Unterstand teilgenommen. Schade? Gerate ich aber an die grünen Tische mit den weißen Kugeln, so packt es mich. Ich bin sehr zufrieden, daß man in deutschen Landen von Travemünde bis hinunter nach Konstanz wieder jenen darf. Schließlich ist der Mensch erwachsen geworden und braucht keinen Aufpasser mehr, der ihm sein Geld hütet.

So ein Spielkasino bringt mich in Sektlaune. Schon die Mädchen, die mit geschweiften Wimpern und Goldgräberaugen vorn in der Bar sitzen, um den Gewinnern das Leben für ein paar Stunden bei Kaviar und Hummer zu versüßen, haben ihren Reiz. Gerade ihre kaum verhüllte Gier, sich am Mammon ohne Risiko zu beteiligen, ist auf eine gewisse Art „sexy“, wie das heute heißt.

Und dann die Tische mit den Trauben von sitzenden und stehenden Menschen, die, ohne ihre Mienen zu verziehen und ohne die Stimme merklich zu heben, zusehen, wie der Croupier mit seiner harten Forke ihre Chips zusammenkratzt oder aber diesem und jenem hochwertige Jetons zuwirft, als seien es Kieselsteine.

Und diese Routinespieler mit ihren Notizbüchern, Bleistiften und Tabellen, die Spiel für Spiel soviel Chips über den Tisch ausstreuen, daß man staunen muß, wie sie sich das halbe Dutzend von Einsätzen merken können! Das Gros der Spielbankbesucher ist sichtlich nicht von Glücksgütern gesegnet; aber man sieht sie Abend für Abend, und zweifellos schneiden sie per Saldo nicht mit Verlust ab. Fachleute gaben mir zu, daß eine ganze Menge konsequenter und vorsichtiger kleiner Leute ihr Monatliches am Spieltisch um zehn bis zwanzig Prozent erhöhen. Verloren sind natürlich die Grünhörner, die wirklich leichthin ihr Glück versuchen, und wehe ihnen, wenn sie anfangs Gewinne machen! Sie verlassen das Kasino bestimmt ohne Barschaft wie jene Dame aus Lübeck, die in Travemünde dreimal hintereinander auf Zero groß gewonnen hatte und mich ein paar Stunden später weinend um das Fahrgeld nach Hause anpumpte. Sie hatte sich eine gewisse Summe für das Spielen frei gemacht: aber schließlich war das ganze Wirtschaftsgeld und alles, was sie sonst noch bei sich hatte, im Spielsaal geblieben. „Ich bekomme ja Senge von meinem Mann“, schluchzte sie.