J. S., Saigon, Anfang April

Die geduldigsten und schweigsamsten Akteure im vietnamesischen Drama sind die Reisbauern. Seit vierzehn Jahren sehen sie schicksalsergeben zu, wie Soldaten durch ihre Dörfer ziehen und ihre Felder zertrampeln: französische Legionäre, politisch-religiöse Freibeuter, Vietminb-Nationalisten, Vietkong- Terroristen und nun die Truppen des Präsidenten Diem mit ihren amerikanischen Beratern.

In Saigon und auch in Washington gibt es keinen, der wirklich weiß, was die zwölf Millionen duldender Reisbauern denken. Vermutlich hat sich ihre „Politik“ seit einigen hundert Jahren nicht geändert: „Abwarten, was kommt.“ Bis sie sich entscheiden, bleibt die Zukunft des gequälten Landes Vietnam ein Rätsel.

Einige hundert amerikanische Soldaten verlassen jede Woche die Hauptstadt Saigon, nachdem sie ihre zwölfmonatige Dienstzeit in Vietnam beendet haben; frische Truppen aus den USA ersetzen sie dann. Mitte Juni werden die meisten der 13 000 Amerikaner, die Anfang 1962 in dieses Land kamen, wieder zu Hause sein.

Die meisten der Amerikaner – drei von vier „Beratern“ – sind mit Verwaltungsaufgaben beschäftigt und haben kaum Kontakt zu den vietnamesischen Truppen. Weniger als 4000 Offiziere und Unteroffiziere haben direkt etwas mit dem Krieg zu tun: Als Berater vietnamesischer Kampfeinheiten, als Spezialisten in Ausbildungslagern oder als Besatzung von Hubschraubern und Jagdbombern. Sie müssen die Hauptlast der neuen amerikanischen Politik des „starken Engagements“ in Südvietnam tragen.

Nach einem Jahr im Dschungel-Einsatz gehen ihre Meinungen über die militärische Lage weit auseinander. Übereinstimmung herrscht nur in einem: die vietnamesischen Soldaten sind gute Kämpfer. Amerikaner, die mit den Bergstämmen des Hochlandes zusammenarbeiten, urteilen geradezu begeistert. „Diese Jungs aus dem Hochland sind geborene Guerillas“, erklärte ein amerikanischer Offizier. Die Berater im Generalstab oder den Provisionshauptquartieren der Provinz allerdings sind weniger enthusiastisch. Sie erzählen von hohen vietnamesischen Offizieren, die ihrer Aufgabe weder nach ihrer Ausbildung noch nach ihrem Kampfgeist gewachsen sind. Ein Berater, der die Schlacht von Ap Bac mitgemacht hat, bei der eine kleine Gruppe von Vietkongs 1500 Regierungssoldaten zurückschlug und sechs amerikanische Hubschrauber außer Gefecht setzte, erklärte, die meisten taktischen Fehler seien von einem Kommandeur begangen worden, dessen einzige Qualifikation darin bestehe, daß er dem Präsidenten Ngo Dinh Diem während eines Putschversuches im Jahre 1960 die Treue gehalten hat.

Die Amerikaner an der Dschungel-Front haben zu wenig Überblick, als daß sie ein kompetentes Urteil über die Gesamtlage im Kanpf gegen die kommunistischen Partisanen abgeben könnten. Man muß sich deshalb auf das Urteil hoher amerikanischer und vietnamesischer Militärs und Politiker verlassen. Unglücklicherweise sind deren Ansichten „oben“ jedoch keineswegs einheitlich. Da gibt es die zuversichtliche Voraussage des amerikanischen Oberbefehlshabers in Südvietnam, General Paul D. Harkins: „1963 wird das Jahr der Entscheidung sein.“ Genau die gegenteilige Ansicht vertritt eine Gruppe amerikanischer Senatoren, deren Wertführer Mike Mansfield ist: „Vietnam steht bei der Lösung der schweren inneren Probleme heute wie vor sieben Jahren noch immer im Beginn des Beginns.“