Für diese Situation haben die Rundfunkanstalten Verständnis. Die Rundfunkanstalten sind mit den Verlegern einer Meinung, daß eine wirtschaftlich gesunde und publizistisch vielseitige Presse für unser Staatswesen unerläßlich ist. Rundfunk, Fernsehen und Presse haben unterschiedliche, zum Teil sich ergänzende Funktionen. Dieser Aufgabe trägt die oben geschilderte bedingte „Autonomie“ von Rundfunk und Fernsehen Rechnung. Sie ist unter Abwägung aller Faktoren ein Wall gegen den möglichen Mißbrauch der Publikationsmittel durch die Konzentration auf einige Gruppen.

In den Augen von Axel Springer sind die Rundfunkanstalten in der Bundesrepublik und in Westberlin „staatliche oder halbstaatliche Unternehmen“.

Die Antwort auf diese unrichtige Behauptung ist in der Einleitung gegeben worden. Springers Behauptung ist nicht nur bedauerlich, sondern bedenklich, weil er zur Begründung seines Anliegens die unterschwellige Animosität vieler Staatsbürger gegenüber dem Staate heranzieht und indirekt eine Diskriminierung der Rundfunkanstalten bezweckt. Axel Springers Behauptung ist nicht zu belegen. Gerade die Unabhängigkeit und Selbständigkeit der Rundfunkanstalten gegenüber dem Staat einerseits und gegenüber privaten Interessen andererseits ist unter dem Aspekt der demokratischen Balance ihr besonderer Vorzug und sichert ihre Vertrauensstellung in der Öffentlichkeit.

Axel Springer führt dann einige ausländische Beispiele an, die seine Thesen unterstützen sollen.

1. Es ist wahr, daß die BBC auf das Werbefernsehen verzichtet. Es ist aber auch wahr, daß ihr das Dritte Fernsehprogramm übertragen worden ist, weil die Erfahrungen mit dem kommerziellen Fernsehen, an dem, wie Axel Springer richtig sagt, „auch viele Zeitungen beteiligt sind“, die ursprünglichen Erwartungen der englischen Öffentlichkeit stark enttäuscht haben. „Eine saubere Trennung von hoheitlichen Befugnissen und Privatgeschäft“, wie sie Axel Springer in England als gegeben und ideal ansieht, existiert in der Bundesrepublik auf idealere Weise, indem diese Trennung innerhalb der Landesrundfunkanstalten vorgenommen ist, ohne daß es, im Gegensatz zu England, jemals Anlaß zu einer Klage über einen etwaigen Mißbrauch dieser Stellung gegeben hätte.

2. „In Frankreich gibt es ein dem unseren etwa vergleichbares Fernsehen, staatsmittelbar verwaltet.“ Hier irrt Axel Springer, denn in Deutschland gibt es, wie schon ausgeführt, weder staatlichen Rundfunk noch staatliches Fernsehen. Axel Springer: „Selbstverständlich hat man darauf verzichtet, Werbefernsehen zu betreiben.“ Wie es in Wirklichkeit aussieht, hat Alec Plaut in den „Fernseh-Informationen“ Nr. 6 soeben wie folgt geschildert: „... sieht auch ein Einäugiger, wieviel Bildschirmreklame im französischen Fernsehen ausgestrahlt wird, obwohl dies angeblich streng verboten ist. Wir haben hier schon mehrere Male auf diesen merkwürdigen Zustand hingewiesen. Nun, mit jedem Monat steigt die Zahl und mehren sich die Produkte, für welche das Pariser Staatsfernsehen Reklame macht: von der Staatslotterie bis zum französischen Schweizerkäse’, von den Sparkassen bis zur Automobilindustrie, vom Kaffee bis zur Zichorie, von den Elektrizitäts-Obligationen bis zum Fruchtsaft oder Pumpernickel ...“ Beim Sender Europa I sind 47 Prozent in Händen der SOFIRAD und damit zu diesem Anteil mittelbar in Händen des französischen Staates.

3. „In der Schweiz... ist die Mitbeteiligung der Verleger am Fernsehen sichergestellt.“ Die illustrierte Zeitung „Die Woche“, Zürich, hat am 27. Februar dieses Jahres bestätigt, daß die Fernsehreklame Angelegenheit einer Tochtergesellschaft der Schweizer Rundspruch-Gesellschaft werden soll, in deren Aktien sich zum größten Teil die Anstalt, die Post und die Zeitungsverleger teilen. „Die Hauptsache an dieser Konstruktion ist, daß der Nutzen nicht Dritten, sondern dem Fernsehen zur Verbesserung seiner Programme und seiner Technik zugute kommt.“ Diesen entscheidenden Gesichtspunkt hat Axel Springer seinen Lesern allerdings vorenthalten.