Die Aran-Inseln? Wer kennt sie? Wer hat sie in der Schule gehabt? Wer kann sie ohne viel Suchen auf dem Atlas zeigen? Zwar ist Irland aus dem Zeitalter nationalistischer Unabhängigkeitskämpfe in das Zeitalter bundesdeutscher Bodenspekulation getreten; doch diese drei Inselchen im Westen des grünen Eilands tauchen bisher in den Anzeigen der Immobilienmakler nicht auf. Dagegen findet man sie seit Jahrzehnten immer wieder einmal in den Inseraten der Filmkunsttheater, und im Bewußtsein der Kinogourmets werden sie nie ganz versinken.

Das ist dem Amerikaner irischer Herkunft Robert Flaherty zu danken, dem Schöpfer so unvergeßlicher Dokumentarfilme wie „Nanuk, der Eskimo“ und „Louisiana-Legende“. 1931 bis 1934 produzierte er einen Film über das einfache, harte Leben auf diesen Inseln: „Die Männer von Aran“. Eine Reihe von Standphotos aus dieser Arbeit ist dem jetzt endlich auch bei uns veröffentlichten Bericht des 1909 im Alter von 38 Jahren in Dublin gestorbenen irischen Dramatikers

John Millington Synge: „die aran-inseln“, aus dem Englischen von Christian Grote; Prestel-Verlag, München; 151 S., 13,80 DM

beigegeben, eine glückliche Ergänzung des Buchs.

Ich weiß nicht, wie es heute auf diesen Inseln aussieht. Der Übersetzer meint zwar in einem Nachwort, das über den Autor und den Einfluß jener Inselwelt auf sein dramatisches Werk informiert, seit den fünf Aufenthalten (im Klappentext sind es nur noch vier) des Dichters zwischen 1899 und 1902 habe sich kaum etwas verändert; aber ich wage das zu bezweifeln, und dafür bietet mir Synge Indizien, denn er notierte in seinen Aufzeichnungen schon damals Veränderungen, die die abgelegene Inselgruppe näher an das Festland schlossen. Und obwohl die von ihm beschriebene Welt ohne weiteres in Flahertys Film wiederzuerkennen ist: daß die Erde sich in den letzten sechzig Jahren stärker gewandelt hat als in den sechshundert Jahren vorher, dürfte auch hier zu bemerken sein.

Für John Millington Synge war die Begegnung mit den Inseln entscheidend. Synge schwankte, ob er Schriftsteller oder Musiker werden sollte, und auf den Rat von William Butler Yeats fuhr er nach Aran, um in der Einsamkeit und Abgeschiedenheit und unter archaischen, von archaischen Mächten bestimmten Menschen seiner selbst inne zu werden.

Dort schreibt er auf, was ihm widerfährt und was ihm erzählt wird, und obwohl er sich selbst möglichst ausklammert, ist sein Bericht dennoch das Zeugnis des eigenen Reifens. Er hält sich offen für alles, was an Erlebnissen und Erfahrungen auf ihn zukommt, ohne sich doch je davon überschwemmen zu lassen. Schon durch diese künstlerische Reserve bei aller Anteilnahme bleibt ihm stets eine Distanz zu den Eingeborenen, die Beobachtung und Überschau auch dann noch erlaubt, wenn die Leidenschaften so ungebrochen, unsublimiert Gewalt gewinnen, wie bei der düsteren, gespenstischen, makaber grandiosen Beerdigung eines jungen Fischers, der, wie so viele dort, ein Opfer der See wurde.