Die Auswertung einzelner Fragen überrascht. Wenn er fragt, „Was empfinden Sie, wenn Sie Ihre Wohnung betreten?“ dann ist doch wohl eine Sammlung aller Gefühlsmomente beabsichtigt. Tatsächlich reagieren fast alle Befragten gefühlsbetont. Eventuelle ästhetische Gesichtspunkte mußten durch diese Frage geradezu beiseitegeschoben werden. Tatsächlich antwortet auch nur ein Prozent in diesem Sinn.

Ausgehend von diesem Ergebnis zog der Referent recht weitreichende Schlüsse über verfehlte Tendenzen der Werbung, wie sie sich in Zeitschriften und Prospekten gibt: betont ästhetisch nämlich. Silbermann bestreitet den Effekt dieser Werbung, er behauptet, die Anzeigen würden nicht gelesen. Aber haben nicht vielleicht die Werbeleute schneller geschaltet? Wann ist je die sogenannte „Wirklichkeit des Verhaltens“ werbewirksam? Übersah Silbermann, daß heute neue Leitbilder zu wirken begonnen haben? Die große Zeit der Barockkommoden ist vorbei (als Leitbild für Neureiche). En vogue ist das fashionable Moderne. Gerade läuft der erste konsequent in diesem Stil ausgestattete Erfolgsfilm in der Bundesrepublik. Sicher wird durch die „Erlebnisse eines möblierten Herrn“ jene attraktive Kulisse von sex und society in breiteren Schichten leit-bildend wirken. Vor einem Jahr hätte ein solcher Trend schon im Test erkennbar werden müssen.

Viele Fragen bleiben offen: Seit wann finden Schlafen, Kochen, Körperpflege im Wohnraum statt? Woher weiß Silbermann, daß der Wohnraum der am meisten benützte Raum der Wohnung is? In Schweden hat man getestet, daß – außerhalb der Schlafzeit – der meist benutzte Raum – das Schlafzimmer ist.

Wesentlicher als dieser Bericht waren die in der Diskussion erschienenen Tendenzen unserer Zeit. Man fragt sich, welche Rolle der schöpferische Mensch in Zukunft spielen wird.

Als Kriterium des Schöpferischen gelten weniger ästhetische Werte als vielmehr die Fähigkeiten, die Zukunft zu erfassen. Aber wer erfaßt sie – der Künsler intuitiv oder der Fragebogen? Heute behaupten alle statistischen Wissenschaften, Soziologen, Meinungsforscher, daß sie die Zukunft in Tabellen verpackt präsentieren. Für die Zukunft gehen die Soziologen auf die Barrikaden. Was ist denn der Mut, ihren „militanten Humanismus am Architekten zu produzieren“ (Silbermann), anderes, als der Versuch, den begehrten Gütestempel „Zukunft“ zu erobern? Silbermann bestritt sogar, daß Architekten den Menschen kennen. So, als ob es vor der Soziologie nie Menschenkenntnis gegeben hätte, als ob das Gespür des einzelnen für das Kommende – in dem alle Sensationserfolge wurzeln – unwesentlich wäre. Mit einer Arroganz und Überheblichkeit, die einer nützlichen Hilfswissenschaft einfach nicht zukommt, wird die Bedeutung der schöpferischen Persönlichkeit sysematisch abgewertet.

Hier stellte sich Siegfried Giedion, Zürich, zur Diskussion: alter Weggefährte des neuen Bauens, bedeutender Kulturkritiker und Kulturhistoriker. „Was ist die Funktion des Künstlers, wenn er nicht vorausahnt?“ Der Architekt, meinte Giedion, wisse, was im Menschen vorgeht, ehe dieser selber es weiß. Er sieht eine Zukunft, die noch kein Fragebogen erfaßt. Giedion gab als Beispiel künstlerischer Vision Gropius’ Faguswerke, mit denen er „vorahnend ein Modell für die Allgemeinheit“ schuf. Und er bemängelte – mit Beispielen aus der Baugeschichte belegt – das Fehlen der sozialen Imagination.

Quittung für Künstler