Seit dem Sturz des Diktators Juan Domingo Peron im Jahre 1955 ist Argentinien in den Ruf geraten, Südamerikas klassisches Land der Rebellionen zu sein. Allein innerhalb des letzten Jahres, seit Präsident Frondizi von der Armee aus dem Regierungspalais San Martin in Buenos Aires verjagt wurde, hat es sechs Staatskrisen und Putschversuche gegeben. Den letzten erlebten die Argentinier, schon gleichgültig geworden durch die ständigen Rivalitätskämpfe unter den Offizieren, erst vor wenigen Tagen. Diesmal war wieder die Marine an der Reihe, die schon einmal, vor sieben Jahren, die antiperonistische Palastrevolution entfacht hatte. Zusammen mit einigen zwangspensionierten Generalen, die sich dem Programm der „Nationalen Front“ des amtierenden Präsidenten Guido widersetzten, befahlen die putschenden Admirale die Marineinfanterie in die Hauptstadt. Sie ließen rund um das Regierungsgebäude Maschinengewehre aufstellen, die Rundfunkstation besetzen und verkündeten die „nationale Revolution“, um die „Errichtung eines prokommunistischen Regimes“ zu verhindern.

Doch der Putsch zerplatzte wie eine Seifenblase. Die „Legälisten“ – regierungstreue Verbände des Heeres und der Luftwaffe – trieben die Revolutionäre zurück und zwangen sie zur „ehrenvollen Kapitulation“. Die Niederlage der Marine war vollständig: 150 Offiziere wurden verhaftet, ein Teil der Marineflugzeuge zerstört; die Admirale entwichen rechtzeitig auf den Eisbrecher „San Martin“, der Kurs gen Süden nahm; fünfzig weitere Rebellenanführer flohen nach Uruguay und Chile.

Guido und seine Minister haben nach diesem kurzen Scharmützel noch einmal eine Atempause gewonnen. Die Gefahr einer Militärdiktatur konnte noch einmal abgewendet werden. Ein für allemal gebannt ist sie dennoch nicht. Auch ist es keineswegs ausgemacht, daß die für den 23. Juni anberaumten Wahlen tatsächlich abgehalten werden.

Selbst unter den Militärs, die Guido im Sattel halten, breitet sich die Besorgnis aus, die Gefolgsleute des Ex-Diktators Peron könnten aus der Wahl als überlegene Sieger hervorgehen. Auch ihnen, ist der Gouverneur von Buenos Aires, der radikale Peronist Framini, ein Dorn im Auge, der noch kürzlich zugegeben hatte: „Wir wollen nichts anderes als die Macht!“ Ihre Sorge vor einem spektakulären Erfolg der „Justiazialisten“, der Peron-Partei, ist um so größer, als der klug eingefädelte Plan des inzwischen gestürzten Innenministers Martinez fehlgeschlagen ist, alle Parteien zu einer Koalition zusammenzuschließen und auf diese Weise eine Ein-Parteien-Herrschaft der Peronisten zu verhindern.

Zwar wissen die Offiziere um Guido, daß es der heute 68 Jahre alte Diktator, der in Madrid seine Millionen verpraßt, wohl kaum wagen wird, nach Argentinien zurückzukehren. Ein Bürgerkrieg aller gegen alle wäre die unausbleibliche Folge. Auch haben sie das Wort des gemäßigten peronistischen Generalsekretärs Raul Matera, der die „Demokratisierung“ seiner Partei durchsetzte und der sich – um zur Wahl zugelassen zu werden – von dem totalitären Regime seines Vorgängers lossagte. Aber das Mißtrauen der herrschenden Militärs gegenüber den Nachfahren Perons ist dennoch groß.

Es waren die Peronisten, die bei den letzten Wahlen dreißig Prozent der Stimmen für sich buchen und fünf der zehn Gouverneursposten gewinnen konnten. Niemand vermag, abzuschätzen, wie groß die Zahl der properonistischen Stimmen am 23. Juni wäre, welchen Einfluß die Gewerkschaften, die noch heute ihrem ehemaligen Gönner Peron huldigen, auf die Masse der Arbeitslosen und Unzufriedenen ausüben.

Doch nicht nur die „Gorilas“, wie die ultrakonservativen Rebellen-Offiziere in der Armee von ihren Kameraden auf dem linken Flügel tituliert werden, sind in Argentinien eine unbekannte Größe. Der Zorn über die Untätigkeit der Regierung Guido, die Resignation angesichts der unaufhaltsamen Inflation und Geldentwertung können zu einer neuen Diktatur entweder der Militärs oder der Peronisten führen. Allein in der kurzen Amtszeit des Präsidenten traten vier Innenminister, vier Verteidigungsminister, drei Außenminister und drei Wirtschaftsminister ab. Guidos Kabinett ist ein Taubenschlag, er selber ein Mann ohne Statur und Rückgrat. Schon mehren sich in Buenos Aires die Stimmen der Besonnenen, die zu einer Verschiebung des Wahltermins raten oder aber zu einer Begrenzung der Abstimmung auf die Wahl des Präsidenten.