Daß im Großbankenbereich nicht alle Institute gleich stark sind, ist keine sensationelle Feststellung. Die Börse läßt nicht umsonst den Kurs der Deutschen Bank-Aktie voranmarschieren. Meinungsverschiedenheiten gibt es immer nur um den Grad der Abstufungen. In den letzten Wochen sind die Kursdifferenzen zwischen den drei Großbanken (Commerzbank, Deutsche Bank und Dresdner Bank) kleiner geworden. Deutet das darauf hin, daß sich auch gewisse Nivellierungen im Geschäftsmäßigen vollzogen haben? Zur Stunde, da ich dies schreibe, meine verehrten Leser, liegen mir nur die Bilanzen der Commerzbank (siehe Gespräch am Bankschalter in Ausgabe Nr. 14) und der Deutschen Bank vor, so daß ich vorerst nur die Zahlenwerke dieser beiden Institute miteinander vergleichen kann. Ich würde aber sagen, daß es trotz aller anerkennenswerten Anstrengungen der Commerzbank im Geschäftsjahr 1962 als sachlich nicht berechtigt erscheint, den Kursabstand zwischen beiden Aktien weiter abzubauen.

Bankbilanzen zu lesen, hat für den Außenstehenden eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Raten von Kreuzworträtseln. Ist man erstmal in dem Besitz gewisser Schlüsselworte oder -zahlen, dann kommt man des Rätsels Lösung schon sehr nahe. Aber selbst dem Tüchtigsten wird es nicht überall gelingen, die Bilanz vollends zu entschleiern. „Es gehört eben zu den Privilegien der Banken, daß sie nie alles zeigen!“ war von Hermann J. Abs, Sprecher der Deutschen Bank, zu hören, als er die Bilanz seines Hauses vor der Presse erläuterte. Also von „striptease“ der Bilanzen keine Spur. Aber doch sehr viel schickliche Offenheit!

Die Deutsche Bank verhehlt nicht, daß im Geschäftsjahr 1962 die Gewinne weiter rückläufig waren. Sie zeigt auch deutlich, wo sie die Haupteinsparungen vorgenommen hat, nämlich bei den Zuweisungen zu den offenen Rücklagen, die diesmal nur mit 20(40) Mill. DM dotiert worden sind. Damit haben sie 360 Mill. DM erreicht bei einem unveränderten Grundkapital von 300 Mill. DM. Die ausgewiesenen Eigenmittel machen zusammen 660 Mill. aus und betragen genau 5 % der Bilanzsumme. „Das ist eine Relation, die eine Bank nicht gern unterschreitet und nicht ohne Anstrengungen überschreitet“, meinte Abs. Die Deutsche Bank denkt in dieser Hinsicht also konservativer als die Commerzbank, der die Unterschreitung der 5 %-Grenze nach den Aussagen ihres Vorstandes „keinerlei Kopfschmerzen“ bereitet. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als wenn die Deutsche Bank bei der Dotierung der offenen Rücklagen nur so viel tun wollte wie zur Erhaltung der ominösen 5 %-Grenze notwendig war. Daß sie hätte spielend erheblich höhere Beträge in die offenen Reserven hätte stellen können, geht aus der Andeutung von Abs hervor, in den Geschäftsjahren 1960, 1961 und 1962 wären die stillen Reserven stets in etwa gleicher Höhe gestärkt worden.

Angesichts dieser Geschäftspolitik sollten sich die Aktionäre der Deutschen Bank vorerst keine Hoffnungen auf ein Bezugsrecht machen. Nach den Prognosen der Verwaltung wird es im laufenden Geschäftsjahr keinesfalls zu einer stürmischen Aufwärtsentwicklung der Bilanzsumme kommen, so daß es wahrscheinlich auch per 31. Dezember 1963 möglich sein wird, die gesunde Relation zwischen Eigenkapital und Bilanzsumme über die Rücklagendotierung zu regulieren.

Schon 1962 hat sich das Wachstum verringert. Stieg die Bilanzsumme per 31. Dezember 1961 noch um 12,1 %, so hat sie 1962 „nur“ noch um 4,9 % auf 13,2 Mrd. DM zugenommen. Im laufenden Jahr werden die Banken – wie Abs bestätigte – unter Liquiditätsdruck stehen, weil einmal bei den Unternehmen der Investitionszwang bei verringerter Selbstfinanzierungsmarge wächst (also möglicherweise Rücklauf bei den Einlagen und Steigerung bei den Krediten) und weil andererseits der Abfluß an Devisen anhalten wird, wodurch den Banken ständig Liquidität entzogen werden dürfte.

Für den Aktionär ergibt sich daraus zwangsläufig die Frage: Und wie wird es 1963 mit den Erträgen werden? Vorweg zur Beruhigung – es besteht kaum Gefahr, daß der Standarddividendensatz von 16 % ins Wanken gerät. Im Gegenteil, vieles spricht dafür, daß es in der Ertragsentwicklung wieder zu einer Stabilisierung kommen wird. Dazu ein Blick auf die Verlustquellen des letzten Jahres: Bei den Personal- und Handlungsunkosten hat sich 1962 ein Mehr von 25 Mill. ergeben. Niemand kann so optimistisch sein und behaupten, hier ließen sich künftig Bremsen anlegen. Anders steht es mit dem Punkt 2 „Mindererträge im Effektengeschäft“, die sich schätzungsweise auf etwa 16 Mill. DM beliefen. Entweder wird es zu einer Wiederbelebung des Effektengeschäftes kommen oder man wird sich überlegen, inwieweit sich auf diesem Sektor Einsparungen erzielen lassen. Hier kann man also etwas tun. Punkt 3 sind die Abschreibungen auf Wertpapierbestände, die bei der Deutschen Bank unter 16 Mill. DM gelegen haben. Abs ist der Meinung, daß sich Baisse-Bewegungen, wie wir sie 1962 hatten, im laufenden Jahr nicht wiederholen werden, so daß diese Verlustquelle im neuen Geschäftsjahr kaum noch sprudeln wird. Im übrigen hat die Deutsche Bank darauf verzichtet, über den Verkauf größerer, niedrig zu Buch stehender Posten, den Abschreibungs„bedarf“ zu verringern, wie dies bei anderen Banken der Fall gewesen ist.

Die Deutsche Bank bekennt sich offen zu diesen Abschreibungen, wenn sie schreibt, daß diese durch das Tätigwerden der Bank zur Erhaltung der Funktionsfähigkeit der Aktienmärkte verursacht wurden“. Sie erklärt dazu, daß diese Tätigkeit gleichermaßen im Interesse der Kundschaft und der Aktionäre des Instituts gelegen habe. Diese Feststellungen werden bei jenen Banken nicht ohne Widerspruch bleiben, die sich während der Baisse anders verhalten haben. Sie haben bereits durchblicken lassen, daß sie eine solche Argumentation als Bemäntelung für eine falsche Beurteilung der Börsensituation halten. Geschäftliche Fehldispositionen würden mit dem Mantel von Ruhm und Ehre zugedeckt. Abs ist darauf gefaßt, ähnlich klingende Vorwürfe auch auf der Hauptversammlung zu hören und er hat sich darauf eingestellt.