Von RolfLinnenkamp

Die Berliner Akademie der Künste ehrt zur Zeit (bis zum 20. April) den Maler Werner Gilles (geboren am 29. 8. 1894 in Rheydt, gestorben am 22. 6. 1961 in Essen) durch eine Ausstellung seiner Werke in Berlin, Mülheim a. d. Ruhr, Hannover und München.

Der beängstigend zunehmende Hang zur Gesamtschau beschwört die Gefahr herauf, daß die Vielzahl von Bildern das Bild vom Künstler verschleiert. Als barocker Ausläufer des Positivismus verspricht dazu der Typ des Oeuvre-Kataloges zwar Klarheit, verursacht aber – wenn man von den wenigen Fachleuten. absieht – im Grunde nur Verwirrung: Das Werturteil wird zugunsten der bloßen Bestandsaufnahme umgangen. Diese „urteilsfreie“ Dokumentation überläßt sich dem Spiel des Zufalls insofern, als sie des Abwesenden höchstens in einer Fußnote gedenkt. Der rein chronologische Kontakt – gleichsam Rückgrat dieser Methode – setzt somit das Beiläufige neben das Wesentliche. Die Kunst des Auslassens, Voraussetzung jedes wahren Kunstwerkes, wird bei Kunstausstellungen leider noch zu häufig einer fatalen Rücksicht auf eine unangebrachte Massendemonstration geopfert.

Darum erwies es sich in mancherlei Hinsicht als günstig, daß Günther Franke in München (Villa Stuck – einige Blätter auch in der Galerie im Arco-Palais) nur ungefähr ein Drittel des ursprünglichen Umfanges der Ausstellung aufnehmen konnte: Gilles’ Entwicklung wird straff und übersichtlich vorgestellt. Das Bild „Les Fleurs du Mal“ aus dem Jahre 1927 verrät noch deutlich unbewältigte Einflüsse von Marc Chagall. Zwanzig Jahre später entstand in überzeugender Formenverkürzung der demütigritterliche „Hl. Martin“. 1951 schuf er die hervorragend strukturierte „Sommerlandschaft“. Doch den stärksten Eindruck macht auf mich das Gemälde „Fischer“ von 1954, das Eberhard Seel in Berlin gehört: Die klare Komposition, die gespannte Anmut der Bewegung, verhalten leuchtende Farben und feste Pinselführung sind hier nicht nur formale Charakteristika, sondern zugleich auch Kriterien der Qualität.

Durch ungezählte Beobachtungen ein- und derselben Tätigkeit – hier des Fischens – schärfte sich der Blick des Künstlers für das Wiederkehrende, das diesem Vorgang offenbar a priori angehört; damit entfallen für sein Kunstwollen alle wechselnden Begleiterscheinungen des Alltags. Die äußeren Formen verdichten sich allmählich zum Formelhaften im Bild: Der Vorgang ist durch das Kunstwerk aus der Bindung an Raum und Zeit befreit worden.

Das gilt nicht nur für den Einzelfall, sondern stellvertretend für die Vielfalt. Mensch und Natur erfahren dieselbe formale Behandlung und werden also als Einheit betrachtet. Der Kampf zwischen ihnen ist beendet. Der graue Fischer (zweiter von rechts) erinnert an den Fährmann Charon, der die Seelen der Toten über den Unterweltsfluß Acheron fuhr. Daß auf Gilles’ Bild die hellste Stelle am jenseitigen Ufer über dem Horizont liegt, in sonnenhaftes Goldgelb getaucht, mag gleichnishaft anmuten.

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