W. M. Paris, im April

Ein Jahr ist vergangen, seit Frankreich in den Verträgen von Evian Algerien die Unabhängigkeit gewährt hat. Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern haben sich seither überraschend schnell normalisiert, die Zusammenarbeit wurde zusehends besser. Seit ein paar Wochen aber werden wieder Anklagen erhoben und Proteste ausgetauscht. Zwei Ereignisse haben das Verhältnis getrübt: der französische Atomversuch in der Sahara und die Enteignung europäischer Siedler in Algerien.

Juristisch gesehen sind die Algerier im Unrecht. In Evian erklärten sie sich damit einverstanden, daß Frankreich das Kernwaffen-Versuchsgelände in der Sahara noch fünf Jahre benutzen kann. Die kostspieligen Anlagen in Reggane und in Ekker haben nur einen Zweck: die Erprobung von Atomwaffen; und die Franzosen ließen auch keinen Zweifel daran, daß sie diese Anlagen dafür benutzen würden.

In Evian war ferner festgelegt worden, daß Algerien die europäischen Besitzrechte, die vor der Unabhängigkeit erworben wurden, „ohne Vorbehalt“ anerkennt Paris gestand aber der algerischen Regierung das Recht zu, europäischen Besitz, vor allem die großen Landgüter, zu nationalisieren. (Die Landreform ist ein zentraler Punkt im Revolutionsprogramm der Algerier). Diese Landgüter sollten aber nur gegen eine vorher ausgehandelte, angemessene Entschädigung enteignet werden können, und Paris versprach sogar, dabei finanzielle Hilfestellung zu leisten.

Ben Bella hat sich an diese Abmachungen nicht gehalten. Im März wurde aller Besitz, den die Europäer in Algerien aufgegeben hatten, „unwiderruflich“ unter die Kontrolle eines „Verwaltungskomitees“ gestellt. Etwa eine Million Hektar des besten Landes und ungefähr 500 Industrie- und Handelsunternehmen wurden vom Staat übernommen; den früheren Besitzern wurde nicht einmal ein Einspruchsrecht zugebilligt.

Ben Bella verteidigte diesen Schritt mit dem Argument, die jetzt enteigneten Europäer hätten sich zum größten Teil nur deshalb abgesetzt, weil sie die algerische Wirtschaft sabotieren wollten. Dieses Argument ist nicht ganz falsch, aber unvollständig. Viele Siedler waren in den Monaten nach der Unabhängigkeit von lokalen algerischen Behörden aus dem Land hinausgeekelt worden. Manche wurden entführt und verschwanden auf Nimmerwiedersehen. Frankreich hatte also schon einigen Grund zu Beschwerden, als die algerische Regierung noch weiter ging und eine Reihe von Landgütern beschlagnahmte, deren Besitzer das Land nie verlassen hatten.

Allerdings ist es nutzlos, die französischalgerischen Kontroversen allein vom juristischen Standpunkt aus zu beurteilen. Die Probleme, die ihnen zugrunde liegen, sind mehr politischer Art. Man muß sich fragen: Ist die algerische Regierung überhaupt in der Lage, die Verträge von Evian buchstabengetreu zu erfüllen?