Unsere Zeit hat alle Betonung auf den diesseitigen Menschen verschoben und damit eine Dämonisierung des Menschen und seiner Welt herbeigeführt. Die Erscheinung der Diktatoren und all des Elends, das sie gebracht haben, geht darauf zurück, daß dem Menschen durch die Kurzsichtigkeit der Allzuklugen die Jenseitigkeit geraubt wurde. Wie diese ist auch er der Unbewußtheit zum Opfer gefallen. Die Aufgabe des Menschen nämlich wäre ganz im Gegenteil, sich dessen, was vom Unbewußten her andrängt, bewußt zu werden, anstatt darüber unbewußt oder damit identisch zu bleiben. In beiden Fällen würde er seiner Bestimmung, Bewußtsein zu schaffen, untreu. Soweit wir zu erkennen vermögen, ist es der einzige Sinn der menschlichen Existenz, ein Licht anzuzünden in der Finsternis des bloßen Seins. Es ist sogar anzunehmen, daß, wie das Unbewußte auf uns wirkt, so auch die Vermehrung unseres Bewußtseins auf das Unbewußte.

Diese Worte bilden den Abschluß eines Kapitels in einem sehr bemerkenswerten Buch:

„Erinnerungen, Träume, Gedanken von C. G. Jung“, aufgezeichnet und herausgegeben von Aniela Jaffé; Rascher Verlag, Zürich/Stuttgart; 422 S., 25 Tafeln, 29,– DM.

Keine Darlegung könnte so treffend wie dieses Zitat den geistigen Standpunkt des großen Schweizer Psychiaters und Psychologen bezeichnen. Jung hat dieses Buch nur zum Teil selber niedergeschrieben; zum großen Teil entstammt es der Feder seiner langjährigen Sekretärin, die es aus den unmittelbaren Aufzeichnungen mündlicher Mitteilungen in die autobiographische Form brachte.

Der Autor der „Erinnerungen, Träume und Gedanken“ weist mehrmals darauf hin, daß die äußeren Tatsachen seines Lebens ihm nicht nur unwichtig erscheinen, sondern sogar weitgehend seinem Gedächtnis entfallen seien, weil sein Leben sich wesentlich im Gedanklichen abgespielt habe. Das Merkwürdige ist nun, daß der Leser hier tatsächlich nur spärliche Nachrichten über eigentlich Biographisches empfängt, dennoch aber am Ende die lückenlose Kette einer nicht nur denkerischen, sondern menschlichen Entwicklung verfolgt zu haben glaubt. Was in dem obigen Zitat als Aufgabe des Menschen benannt wird – „sich dessen bewußt zu werden, was vom Unbewußten her andrängt“ – das war die gedankliche Leistung und damit der Lebensinhalt C. G. Jungs, und das erlebt der Leser von Etappe zu Etappe nach.

Entscheidender noch war seine Ahnung einer kosmischen Weite und Tiefe des Unbewußten. Hiervon vor allem unterschied sich Jung von Freud, mit dem ihn zwar kollegiales Einverständnis in manchem Methodischen verband, von dem ihm indessen die Verschiedenheit der Perspektiven trennte.

Alles ist für ihn „Psyche“, den Begriff „Geist“ mag er kaum akzeptieren. Seltsam, einen sonst so vorurteilslosen Kopf, der sich niemals scheute, für seine parapsychologischen Erkenntnisse und seine bisweilen wirklich sehr merkwürdigen Erlebnisse auf dem Gebiete des „Okkultismus“ jeder akademischen Abwehr gegenüber einzustehen, vor dem Schritt in die vermutlich letztentscheidende Bewußtseinsklärung so befremdend in rein akademische Denkformen eingezwängt zu sehen!