Von Roberto Leydi

Sollte sich später einmal ein Theaterhistoriker Gedanken darüber machen, wie ein neuer Darstellungsstil Interesse und Polemiken hervorrufen kann, ohne doch die Gewohnheiten und die herkömmliche Technik des Theaters nennenswert zu beeinflussen, so brauchte er nur über die Wechselfälle des Brechtschen Theaters in Italien zu berichten.

Schon 1930 wurde die „Dreigroschenoper“ unter der Regie von Giulio Bragaglia (in einer ziemlich fragwürdigen und verfälschenden Inszenierung) zum erstenmal in Rom aufgeführt, und 1933 folgten „Jasager“ und „Mahagonny“ (mit Lotte Lenya). Dennoch waren 1945 selbst dem gebildeten Publikum die Namen Brecht, Weill und Neher noch so gut wie unbekannt; höchstens, daß sie hier und da in den Gesprächen einzelner Intellektueller auftauchten, die trotz faschistischer Herrschaft versucht hatten, einen Kontakt zur europäischen Kultur aufrechtzuerhalten. Und für sie waren Brecht und sein Theater (mehr ersehnt als gelesen) geradezu ein Symbol der Freiheit. Ich denke zum Beispiel an die bewegenden Zusammenkünfte im Hause Nando Ballos in den letzten Kriegsmonaten, wo wir aus einem heiseren Grammophon die Platten der „Dreigroschenoper“ anhörten, die über die blutenden Straßen Europas bis zu uns gelangt waren. Und ich erinnere mich an die ersten Versuche, Brecht zu übersetzen, und an die Anstrengung, die gestaltreiche Härte seiner Verse in unsere zu weiche, zu süße, zu komplizierte Sprache zu fügen.

Und dann folgte die Entdeckung. Das erste nach dem Krieg aufgeführte Stück war wohl „Mann ist Mann“, das De Bosio auf der Universitätsbühne in Padua herausbrachte.

Es war eine naive, dem Stück kaum gerecht werdende Aufführung, aber es war trotzdem ein wichtiger Augenblick in der Geschichte unseres Kulturlebens und unseres Bemühens, den abgerissenen Faden wieder anzuknüpfen.

Das Jahr 1955 brachte die erste Brecht-Aufführung von Giorgio Strehler: eine bescheidene Privatvorstellung der Schauspielschule des Piccolo Teatro in Mailand, aber dennoch für die noch dünn gesäte Reihe der Brecht-Liebhaber eine neue Gelegenheit der Erregung.

Erst mit der Mailänder Aufführung der „Dreigroschenoper“ am 10. Oktober 1956 – einer Aufführung, die den uneingeschränkten Beifall Brechts hatte, der aus Berlin eigens nach Mailand gekommen war, und die dem mutigen kleinen Mailänder Theater den ersten großen Publikumserfolg einbrachte – wurde Brecht bei uns wirklich bekannt. Für den Schlußchor hatte der Autor einige neue Verse geschrieben und auch sonst bei mehreren Änderungen im Text und in der Szenengestaltung den Regisseur mit seinem Rat unterstützt. Erich Engel, der erste Regisseur der „Dreigroschenoper“, war zugegen, und als er dann im April 1960 das Stück mit dem Berliner Ensemble selbst wieder herausbrachte, übernahm er verschiedene Lösungen der Mailänder Aufführung. Im Programmheft stattete er Strehler ausdrücklich seinen Dank ab.