Von Alfred Michaelis, New York

Mit dem Ende des laufenden Finanzjahres überschreitet die amerikanische Wirtschaftshilfe an das Ausland die Größenordnung von 100 Mrd. Dollar, Der Widerstand des Kongresses gegen die finanziellen Anforderungen der Regierung für Zwecke der Entwicklunghilfe versteift sich. Aber nicht nur der Kongreß, der die Interessen der Steuerzahler im Auge hat, wird widerspenstiger. Auch in den Auffassungen der Theoretiker, das heißt der sich mit den Problemen der Auslandshilfe befassenden Nationalökonomen, ist seit einiger Zeit ein Wandel in der Richtung zunehmender Skepsis zu verzeichnen. Was die Auffassung breiterer Bevölkerungskreise anbetrifft, so hat diese die ganze Auslandshilfe immer mehr oder weniger als Geldverschwendung angesehen.

In dieser Situation wachsender Zweifel an der Konzeption der Entwicklungshilfe hat der amerikanische Präsident es vor einigen Monaten für angebracht gehalten, unter dem Vorsitz von General Clay einen Ausschuß zur Überprüfung der ganzen Angelegenheit einzusetzen. Unter den zehn prominenten Ausschußmitgliedern befinden sich der bisherige Weltbankpräsident Black, der frühere Finanzminister Anderson, der frühere Verteidigungsminister Lovett und der Gewerkschaftspräsident Meany. Der Clay-Ausschuß hat nunmehr seinen Bericht vorgelegt, dessen Empfehlungen Kennedy wahrscheinlich enttäuscht haben, wenn er sich das auch nicht hat anmerken lassen.

Kennedys Politik der „New Frontiers“ schließt auch die Entwicklungsländer in den Bereich der großzügig in Angriff zu nehmenden Zielsetzungen ein. Er hat den Ausschuß wohl in der Erwartung eingesetzt, daß er seiner Politik Hilfestellung leistet. Die Ernennung des Republikaners Clay, eines engen Freundes von Eisenhower, und die Einbeziehung anderer republikanischer Persönlichkeiten deuten darauf hin, daß es Kennedy besonders auf eine Abdeckung gegen die republikanische Kritik ankam.

Der Bericht ist jedoch so ausgefallen, daß er den Gegnern der Entwicklungshilfe reichlich Munition liefert.

Sein Grundtenor: Amerika versucht, zu vieles für zu viele und zu schnell zu erreichen. Es überbeansprucht seine Hilfskraft, und so stehen die erzielten Resultate in keinem tragbaren Verhältnis zu den Anstrengungen. Den verbündeten westeuropäischen Ländern sowie Japan und Kanada wird ihr Zaudern vorgehalten. Obwohl der Ausschuß anerkennt, daß ein Ende der Entwicklungshilfe „weder in Aussicht noch in Absicht“ steht, so gelangt er ziffernmäßig doch zur Empfehlung einer Kürzung des Auslandshilfsbudgets um 500 Mill. Dollar, was auf eine Reduktion der vorjährigen Bewilligung von 3,9 auf 3,4 Mrd. Dollar hinausläuft. Das alles entspricht den Auffassungen der Kritiker und Skeptiker. Die Regierungsforderung für die Entwicklungshilfe in der ursprünglichen Höhe von 4,9 Mrd. Dollar ist von Kennedy selbst schon im Antrag an den Kongreß auf 4,5 Mrd. Dollar reduziert worden. Der Kongreß wird an dieser Zahl nochmals tüchtig streichen.

Im einzelnen führt der Bericht aus, daß die Unterstützung der 95 Länder und Gebiete die auf der „Empfangsliste“ stehen, nicht in dem bisherigen Umfang fortgesetzt werden kann. Einige Länder, so Griechenland, Israel, Taiwan und auch die Philippinen, können in der Formulierung des Berichtes „ausgephast“, das heißt schrittweise ausgeschaltet werden, da sie das Stadium normaler Entwicklung zu erreichen im Begriffe sind. Eine besonders positive Beurteilung erfährt die Unterstützung der „Frontländer“ Indien und Pakistan, ohne die ein „Gegengewicht gegen den Koloß Rotchina“ nicht gebildet werden kann.