Von Ernst Steil

Das gönnerhafte Mißverständnis, mit dem das Abendland zweihundert Jahre lang auf die Kultur des Fernen Ostens blickte – es beruhte übrigens auf verhängnisvoller Gegenseitigkeit, wie die Geschichte Chinas im neunzehnten Jahrhundert beweist –, hat sich bis auf den heutigen Tag nicht völlig verflüchtigt. Noch immer steckt viel kunstgewerbliche Verspieltheit, Bezauberung durch das Dekorative und ein leicht befriedigter Hang zum Exotischen in der etwas versnobten Liebhaberei des Europäers für die Kunst Chinas und Japans.

Von dem herrschaftlichen Format der Chinoiserien des achtzehnten Jahrhunderts abgesehen, den Tapetenzimmern und Pavillons und meterhohen Vasen, war es eher ein bürgerliches Behagen an der zierlichen Kleinheit so vieler fernöstlicher Kunstobjekte – die Vorliebe für das Sammeln von Netsuke (Gürtelknöpfen) oder, auf anderem Gebiet, für das Haiku, das dreiteilige Gedicht, zeugt davon – und so wurde ans immer nur ein Segment dieses Kulturkreises gegenwärtig. Erst nach und nach wurden wir gewahr, wieviele Offenbarungen etwa die japanische Kunst noch bereithält, wenngleich uns der Film und der Roman darauf vorbereitet haben.

Eine dieser Überraschungen, der die europäische Kunst nichts Verwandtes an die Seite zu stellen hat, ist das

„Emaki“ – Die Kunst der klassischen japaninischen Bilderrollen, herausgegeben von Akihisa Hase, Einführung, Erläuterungen und Bibliographie von Professor Dietrich Seckel; Carl Hanser Verlag, München; 248 S., 68 Farbtafeln auf Bildträgern, 29 Schwarz-Weiß-Illustrationen, in bunter Kassette 85,– DM.

Ein e-maki ist, vereinfacht erklärt, ein gemalter Roman, der beschaulich von rechts nach links bis auf zwei Armweiten aufgerollt wird; Farbenreichtum wechselt mit Tusche, Bild mit Schrift; solche Rollen können bis zu fünfundzwanzig Meter lang sein. Europa ist niemals auf diesen Gedanken verfallen; die fortlaufende Erzählung durch das Bild beschränkte sich bestenfalls auf Wandteppiche, vom Gobelin von Bayeux über die Apokalypse von Angers zu den vatikanischen Teppichen nach den Kartons von Raffael. Unerwartet und schwer erklärlich, wie diese Bildrollen den Charakter eines Buches bewahren, aber nie zum Album werden.

Inhaltlich reichen die e-maki vom höfischen Roman und der Heldenchronik über die Legende und das Märchen in die religiösen Sphären. Immer verbindet sich das Äußerste an Stilisierung, ja Manierismus, mit einem verblüffenden Sinn für Lebensnähe im Detail, häufig auch mit einem Humor, der fast schon den Verdacht auf Ironie zuläßt.