Von Dieter Mertens

Tenor und Leitzeile des vor zwei Wochen in der ZEIT erschienenen Aufsatzes von Wolfgang Krüger (Am Rubikon der Arbeitszeitverkürzung – wo der soziale Fortschrittsglaube zum volkswirtschaftlichen Unsinn wird) müssen den zum Widerspruch reizen, der viel eher die Gefahr sieht, daß sich in den Debatten um die Arbeitszeitverkürzung neuerdings wenig stichhaltige volkswirtschaftlich gemeinte Argumente auszubreiten beginnen, die ihrerseits den sozialen Fortschritt mindestens zu unterbrechen drohen. Und das zu einem recht ungeeigneten Zeitpunkt.

1) Der wichtigste Fehler dieser Argumente ist, daß sie von einer direkten Beziehung zwischen tariflicher Arbeitszeitregelung und einzel- oder gar volkswirtschaftlicher Produktionskraft ausgehen. Solch eine Beziehung besteht nicht. Wird die „Normalarbeitszeit“ in einem Betrieb verkürzt, so beeinträchtigt dies das in diesem Betrieb verkörperte Produktionspotential in keiner Weise. Produktionseinschränkungen können deswegen nicht als zwangsläufige Folge einer Verkürzung der tariflichen Arbeitszeit prophezeit werden. Die bisherige Arbeitszeit kann beibehalten werden, sei es durch Überstundenleistungen oder durch die Einschiebung neuer Schichten. Die Belegschaft kann erhöht werden, sei es durch die Verlagerung von Betriebsteilen in Gegenden mit unausgeschöpftem Arbeitskräftereservoir im In- oder Ausland, sei es durch die Beschäftigung von Hausfrauen oder Gastarbeitern. Die eleganteste Antwort des Unternehmers aber bleibt die investive Produktivitätssteigerung. Dieses Mittel ist auch in der Vergangenheit überwiegend eingesetzt worden, so daß in den letzten Jahren der Verlust an Arbeitsvolumen durch tarifliche Arbeitszeitverkürzungen um das Mehrfache durch Produktivitätssteigerungen überwogen wurde. Man soll deshalb auch den diesen Arbeitszeitverkürzungen zu verdankenden Anteil an dem kräftigen Investitions- und damit Gesamtwachstum der westdeutschen Wirtschaft in jüngerer Zeit nicht unterschätzen!

Anmerkung der Redaktion: Es kann nicht der Sinn einer Verkürzung der tariflich vereinbarten Arbeitszeit sein, sie durch Überstunden wieder ungeschehen zu machen. Die Erhöhung der Belegschaften setzt Reserven voraus, die nicht vorhanden sind. Der vermehrte Einsatz von Hausfrauen und Fremdarbeitern wirft familien- und bevölkerungspolitische Fragen auf, die den Rahmen der Nationalökonomie überschreiten.

2) Wenn das Wachstum der Wirtschaft sich in den letzten Jahren gegenüber dem Boom von 1959/1960 abgeschwächt hat, so hat dies vorwiegend „nachfragekonjunkturelle“ Ursachen (im Interesse der Deutlichkeit verzeihe man diese Tautologie). Das kommt, außer in den zahlreichen Indikatoren (Rückgang der Auf-Lieferzeiten) auch in dem bemerkenswerten tragseingänge, Abbau der Auftragsbestände und Umstand zum Ausdruck, daß die tatsächlich geleistete Arbeitszeit je Arbeiter in der Industrie im letzten Jahr stärker zurückgegangen ist als die tarifliche Arbeitszeit. Trotz Arbeitszeitverkürzungen hat sich der Arbeitsmarkt leicht entspannt. Im Jahre 1963 kann man nicht mehr so reden, als ob man sich im Jahre 1960 befände, das zudem auch noch ewig zu dauern verspräche.

Das kann man in der Tat nicht. Aber das Jahr 1963 unterscheidet sich vom Jahr 1960 ja wohl nicht allein dadurch, daß die Nachfrage nach Arbeitskräften weniger stürmisch ist als noch vor 3 Jahren. Auch auf der Angebotsseite hat sich etwas verändert, und das dürfte – Konjunkturen kommen und gehen – auf lange Sicht das Entscheidende sein.

3) Angesichts der seit 1961 labilen Konjunkturlage spricht sogar einiges für die Vermutung, daß die seit dem vorigen Sommer zu beobachtende Stützung der Gesamtnachfrage zu einem Teil auch – ähnlich wie 1956/57 – der Arbeitszeitverkürzung zuzuschreiben ist: Die Stützung der Verbrauchernachfrage dem Umstand, daß der Rückgang der individuellen Arbeitszeit, der zumindest in der Industrie auch ohne Tarifänderung eingetreten wäre, dank dem Lohnausgleich weitgehend ohne Wirkung auf die Massenkaufkraft blieb; und eine gewisse Stützung der Investitionsneigung durch die erhebliche Anregung des Rationalisierungsmotivs, das teilweise den stark beeinträchtigten Erweiterungswillen ersetzte.