Es wäre interessant, wenn wir einmal durch eine behutsame Meinungsbefragung herausbringen könnten, wie viele erwachsene Mitglieder der christlichen Glaubensgemeinschaften eigentlich eine selbständige und klare Meinung besitzen über Wesen und Bedeutung der Osterbotschaft; wie sie sich die Ereignisse, von denen die Evangelien berichten, anschaulich vorstellen und wie sie jene Berichte beurteilen. Ferner, durch welche Traditionen diese Vorstellungen bestimmt sind und wie sie sich mit andern Vorstellungen vertragen, die unmittelbar aus unserem alltäglichen, in der Gegenwart der heutigen Gesellschaft verwurzelten Bildungsgut stammen – etwas aus der Naturwissenschaft oder der modernen Wissenschaft von der Geschichte.

Ich bin überzeugt, daß wir durch solche Fragen wertvolle, wohl auch überraschende Aufschlüsse über den geistigen Zustand der modernen Industriemenschen, über ihre Gemütsverfassung und vor allem über ihre religiöse und weltanschauliche Situation bekämen. Nicht erfahren würden wir freilich auf diesem Wege, wie es um die Wirklichkeit der Sache selbst bestimmt ist, die durch die Osterbotschaft angesprochen wird; nichts auch über ihren ursprünglichen und wesentlichen Gehalt.

Mit der Meinung, daß an dem Auferstehungsglauben überhaupt „nichts sei“, hat schon Paulus sich auseinandersetzen müssen. Nietzsche hielt alle wesentlichen Aussagen der christlichen Theologie für pure und willkürliche Annahmen, für eine Art voreiliger Extrapolation aus dem unerschöpflichen Arsenal menschlicher Wünsche, Ängste und Hoffnungen. Ehe wir uns hier entscheiden, sollten wir freilich feststellen, auf welcher Ebene ein kompetentes Urteil über solche Fragen überhaupt möglich ist.

Die Autoren des Neues Testaments, die es ja wissen müßten, sind sich in diesem wichtigen Punkt völlig einig: Sie erklären, daß über die Frage nach Wesen und Wirklichkeit der Auferstehung ganz allein die Praxis des Lebens entscheidet. Jede distanzierende und objektivierende Behandlung der Frage ist dann natürlich sinnlos. Sie bringt die Frage nicht einmal ins Gesichtsfeld, geschweige denn zur Entscheidung.

Die Autoren des Neuen Testamentes verfolgen selbst einen praktischen Zweck. Sie wollen zur Nachfolge Jesu aufrufen, die christliche Existenz durch ihr Zeugnis ermöglichen. Dabei sind sie einmütig der Auffassung, daß die christliche Existenz zwar die Folge der Auferstehung Christi ist, aber nicht des Auferstehungsglaubens: Die christliche Existenz ist nicht die Folge dieses Glaubens, sondern seine Form. Nur so kann er sich äußern und sichtbar werden. Wenn man sich das klarmacht, werden ganze Reihen von Fragen, die im Zusammenhang mit der christlichen Botschaft von der Auferstehung gestellt worden sind und immer wieder diskutiert werden, als Scheinprobleme erkannt.

An den Auferstandenen glauben heißt nichts anderes als ihm nachfolgen. Aber auch das Umgekehrte gilt. Wer sich dem Gehorsam des Glaubens in der Tat und Wahrheit unterzieht, beweist damit, daß er im Kraftfeld der Auferstehung steht. Ricarda Huch sagt deshalb mit vollem Recht und ganz im Sinne des Neuen Testaments: „Wer die Zusammengehörigkeit der Menschen nicht erkannt hat, hat auch Gott nicht erkannt, von dem alle Menschen ausgehen und in den alle münden... Wer die Menschen liebt, ist gläubig und Gottes Kind, wenn er es auch selbst nicht wüßte, ja mit Worten bestritte. Wer die Menschen nicht liebt, ist ungläubig, wenn er auch sein Leben mit der Betrachtung Gottes und Beobachtung göttlicher Gebote zubrächte.“

Da wir im Zeitalter der Wissenschaft leben, empfiehlt es sich übrigens, von solchen Tatsachen auszugehen, die im Zusammenhang mit den Berichten über die Auferstehung Jesu als wissenschaftlich gesichert gelten können. Im Grunde genommen handelt es sich überhaupt nur um eine einzige Tatsache: Daß die Jünger, die durch den furchtbaren Ausgang ihres Meisters, das Ende am Kreuz, aufs tiefste erschreckt und eingeschüchtert waren, die auch seine Seelennot vernommen hatten, nun ganz plötzlich seine Sache zu ihrer eigenen machen. Dieser höchst merkwürdigen Tatsache befindet sich jeder gegenüber, der erkennen möchte, welche Substanz in der christlichen Verkündigung und in der christlichen Existenz überhaupt zum Vorschein kommt.