Nein, er wolle lieber doch nicht nach Berlin, sagte Mexikos Staatspräsident López Mateos zwei Tage, ehe er in der Bundesrepublik eintraf. Die Mauer solle er vom Prominenten-Podest aus besichtigen? Das wäre eine politische Demonstration, die dem Chef eines neutralen Landes schlecht zu Gesicht stünde; wenn das von ihm verlangt werde, verzichte er ganz. Darauf Konsternation in Bonn, peinliches Protokoll-Tauziehen. Ob er nicht doch?

Am Ende kam López Mateos nach Berlin, nachdem er – wie schon so oft in seiner politischen Laufbahn – einen Kompromiß geschlossen hatte. Er kam für einige Stunden; legte einen Kranz am Grabe Alexander von Humboldts nieder und besuchte in Zehlendorf den Mexiko-Platz; Ulbrichts Steinwall ließ er sich durch das Wagenfenster zeigen. Und was er, der Neutralist, durch seine politische Reserve an Sympathien eingebüßt haben mochte, versuchte er dann durch lateinamerikanische Grandezza wiederzugewinnen: temperamentvoll umarmte er vor dem Abflug aus Deutschland die charmante Dolmetscherin des Auswärtigen Amtes. Die deutschen Gastgeber blieben verwirrt zurück.

Mexiko und sein Präsident geben nicht nur Mitteleuropäern Rätsel auf. Die Mexikaner haben keine Diktatur – aber auch keine Demokratie. Eine Staatspartei beherrscht seit 35 Jahren Politik und Verwaltung – aber diese Partei regiert nicht totalitär, sondern garantiert weitreichende staatsbürgerliche Freiheiten. Die Verfassung gibt dem Präsidenten die Rechte eines souveränen Monarchen – sie sorgt jedoch auch dafür, daß das Staatsoberhaupt nach sechs Jahren Amtszeit alle Macht wieder aus den Händen geben muß. Die Regierung Mateos verfolgt im Lande Linksradikale und Kommunisten – doch sie weigert sich hartnäckig, die amerikanischen Maßnahmen gegen Kuba zu unterstützen. Es gibt nur ein mexikanisches "Wirtschaftswunder" – aber in den Hochebenen hungern die Indios.

Die 37 Millionen Mexikaner haben für die vielen scheinbaren und die vielen wirklichen Widersprüche ihres Landes eine einfache Erklärung: "Wir leben seit 1910 mitten in einer großen Revolution." Welche Richtung diese Revolution nimmt, bestimmt der jeweilige Präsident. Wer Präsident wird, bestimmt die "Institutionelle Revolutionspartei’ (PRI). Das Volk hat nur das Recht, dem vorgeschlagenen Kandidaten mehr oder minder eindrucksvoll zu akklamieren; die eigentliche mexikanische Demokratie findet im Apparat der Partei statt. Drei Fraktionen – die Vertreter der Kapitalisten, des Mittelstandes und des Proletariats – ringen einmal in sechs Jahren miteinander um die Nominierung des Revolutionsführers.

López Mateos gehört zum mittelständischen Flügel, der PRI, in der er sich seit 1946, als er zum erstenmal einen Senatssitz errang, hartnäckig nach oben geboxt hat. Dem Advokaten, der in seiner Universitätszeit Amateur-Boxer gewesen war, kam dabei seine rhetorische Gabe zugute, zugleich jedoch ein ausgeprägtes Talent, Kompromisse zu schließen. Erst war er Generalsekretär der Staatspartei, bald danach Arbeitsminister. Im Jahre 1958 gelang es ihm, alle Fraktionen hinter sich zu bringen und danach einen der größten Wahlsiege in der Geschichte des neuen Mexiko zu erringen. Er versprach der City eine freie Wirtschaft, den Arbeitern das Streikrecht und den Ungeduldigen unter seinen Revolutionären die Kollektivierung einiger Haciendas. Da er seine Versprechungen gehalten hat, betrachten ihn die meisten Mexikaner heute als einen guten Präsidenten und auch als einen guten "Revolutionär". Das Ausland sieht in ihm einen maßvollen und fähigen Staatsmann.

Maßvoll und fähig – das ist López Mateos gewiß. Der Dreiundfünfzigjährige wurde im selben Jahr geboren wie die Revolution, er ist ein typischer Vertreter der neuen Generation. Von Ideologien hält er nichts; er ist ein Pragmatiker nordamerikanischer Schule. Er ist überzeugt, daß sich die lateinamerikanischen Probleme nur lösen lassen, wenn sich die Oberschicht mit den Industriearbeitern und dem bäuerlichen Proletariat verbündet. Parlamentarische Demokratie? Sie ist das Ziel auch seiner Regierung, aber doch nur ein Fernziel. Mateos teilt die Ansicht seiner Vorgänger, daß in einem Volk, das zur Hälfte aus Analphabeten besteht, die demokratische Willensbildung in einem Elite-Gremium vor sich gehen muß – eben in der Partei. Allerdings soll eine Wahlrechtsreform den einflußlosen Oppositionspartnern jetzt einige Sitze im Parlament verschaffen.

Seit seinem Amtsantritt hat Mateos sein Land auf dem Weg ins zwanzigste Jahrhundert wieder ein Stückchen weitergebracht. Die vor 46 Jahren begonnene Landreform wurde vorangetrieben; die Industrialisierung hat Fortschritte gemacht – mit Hilfe von europäischen und amerikanischen Investitionen. Nach der Nationalisierung der Ölindustrie, der Eisenbahn und des Großgrundbesitzes haben die Mexikaner ihr wirtschaftspolitisches Selbstbewußtsein wiedergewonnen. Heute versuchen sie, mit großzügigen Maßnahmen neue private Investitionen anzukurbeln und den Unternehmern die Angst vor den sozialistischen Tendenzen der Revolution zu nehmen. Auch ausländische Unternehmer sind wieder willkommen, sofern sie nicht im Auftrag der noch immer suspekten amerikanischen Konzerne arbeiten.