Von Fred K. Priebeig

Seit einigen Monaten ist eine heftige Kampagne gegen die jungen Avantgardisten der UdSSR im Gange, die nach neuen wegen suchten und sich nicht mit der auf „Bedeutung“ und „Inhalt“ fußenden Ästhetik des „Sozialistischen Realismus“ zufriedengaben. Als Wortführer des Staates treten besonders Nikita Chruschtschow selber und der Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU, L. F. Iljitschow, auf. Sie lassen keinen Zweifel daran, daß die Partei keine Abweichung dulden wird.

Damit scheint eine mehrjährige Periode mehr oder weniger weitgehender amtlicher Toleranz beendet zu sein.

Der neue Streit entzündete sich an der abstrakten Kunst und am Jazz; aber die Kritik der Partei gab sich nicht mit künstlerischen Argumenten ab; sie schlug in die politische Kerbe.

Bei einem rasch arrangierten Treffen von Partei- und Regierungsvertretern mit Kunstschaffenden, das am 17. Dezember 1962 stattfand, warnte Iljitschow: „Doch abstraktionistische und modernistische ‚Neuerungen‘ sind Strömungen, die noch nie Zeichen einer gesunden Kunst waren, sind eine Abweichung von der Hauptentwicklungslinie der sowjetischen Literatur und Kunst, sind eine Absage an den Zusammenhang des Kunstschaffens mit dem Leben des Volkes, mit der Praxis des kommunistischen Aufbaus...“

Am 8. März 1963 sagte Chruschtschow: „In der Musik wie in den anderen Kunstgattungen gibt es viele verschiedene Genres, Stile und Formen. Niemand belegt auch nur einen einzigen dieser Stile und Genres mit einem Verbot. Kurz gesagt, wir verfechten die melodische, inhaltsreiche, den Geist des Volkes erregende Musik, die starke Empfindungen gebiert, und treten gegen jede Kakophonie auf ...“ Er weiß, daß die öffentliche Bekanntgabe seiner Vorlieben und Abneigungen in der Kunst praktisch leicht auf Gebote und Verbote hinausläuft. Er liebt Gluck und das Geigerensemble des Bolschoj-Theaters; er begeistert sich an Volkstänzen; er haßt Jazz und Zwölftonmusik und alle musikalischen Erlebnisse, die es in seiner Jugend noch nicht gab. Er ist stehengeblieben und will, daß die Sowjetkultur eben da stehenbleibt.

Die Vokabel „entartet“ für zeitgenössische Musik mag dem Sowjetmenschen sehr einleuchten. Er hat keine Informationsfreiheit und muß sich daher auf den Kommentar eigener Presseorgane verlassen; folglich hält er die westliche Avantgarde für eine typische Ausgeburt des kapitalistischen Systems – wo sie doch vielmehr eine kleine Minderheit ist unter den in vielen Stilen schaffenden Künstlern von heute, Typisch nur insofern, als die in den Verfassungen festgelegte Freiheit der Kunst ihre Existenz erst ermöglicht.