Von Oda Schaefer

In einem noblen Geschäft sah ich Damentaschen aus einem feinen weißen Leder in der Form von kleinen Konzertflügeln, Eiffeltürmen, Sitzbadewannen, Himmelbetten, Pudeln und Champagnerflaschen. Und doch wünscht sich in dieser Region für einen Augenblick jeder Mann, ein Pygmalion von großem Kredit zu sein und aus seiner Gefährtin die Pariserin der Wunschträume zu machen.

Dieses: „Und doch ...“ in dem Satz des Frankreichbuches von Wolfgang Koeppen bedeutet eine geheime Kritik. Hier ist der pochetier, der Taschner, der Herrscher auf der Faubourg St-Honoré, über die Grenzen des guten Geschmacks in die Gefilde des surrealistischen Kitsches gegangen. Solche Pointen hätte nur die Schiaparelli wagen dürfen, die es zu ihrer Zeit fertigbrachte, einen shockingrouge gefärbten Eisbären am Podest der Treppe ihres Modehauses zu postieren. Bei den weißen Taschen aber handelt es sich um eine Zweckentfremdung, eine Deformation – und americaingûot wie der süße Champagner, den der Kenner ablehnt. Die Pariserin mit ihrem traditionellen Gefühl für die schöne Kontur würde es verschmähen, einen Eiffelturm als Arsenal für die Bagatellen, die sie tagsüber mit sich herumschleppt, zu. mißbrauchen.

Die Urform der Damentasche ist der Beutel. Das Mittelalter kannte ihn zumeist als aumonière, als Almosenbeutel oder als ein am Gürtel befestigtes Täschchen. Ende des 15. Jahrhunderts stellt Wolf Huber auf der „Heimsuchung Mariens“ die Elisabeth als bürgerliche deutsche Hausfrau dar, mit weißer Haube und anliegendem Hüftwams, über die Hüfte hängt schräg ein Band und an ihm der Beutel, begleitet von einem großen Schlüssel und einem spitzen Dolch. Es waren unsichere Zeiten. Auch die reichen Bürgerinnen eines Aldegrever befestigen an zwei langen Bändern nebst dem Beutel den Doppeldolch in einer reich getriebenen Metallscheide.

An einer langen Schnur wird auch der Beutel getragen worden sein, den Frau Katharina Luther, geborene Bora, besaß. Zu Markte gingen die Hausfrauen mit einem Körbchen, oben breit und unten spitz. Nach dem Dreißigjährigen Krieg band man den Beutel auch am Handgelenk fest. Dann ließ man den Beutel fallen und schneiderte Taschen in die weiten Reifröcke. Welche junge Comtesse mag zuerst auf den Gedanken gekommen sein, die Kleidertasche mit Wachstuch abfüttern zu lassen, um vom splendiden Mahl, an dem sie vor Aufregung keinen Bissen hatte zu sich nehmen können, eine Poulet-Keule vom Teller verschwinden zu lassen, um sie dem im Kamin versteckten, von feindlichen Kavalieren verfolgten Liebhaber zuzustecken?

Die Marquise de Pompadour, maîtresse en titre des Königs Ludwigs XV., soll den Beutel aus kostbarem Stoff, zum Reifrock passend, erfunden haben, doch wird der Begriff erst auf den Beginn des 19. Jahrhunderts datiert. Der Pompadour der Pompadour wird vor allem die kleine navette für die Occhispitzen-Arbeit enthalten haben, das Schiffchen aus emailliertem Gold. Ferner trieben sich in den plötzlich favorisierten Beuteln jene Dinge herum, die sich bisher in Etuis verborgen hatten: Dosen mit Rouge d-Espagne oder für Tabak, auch für die mouches, die Schönheitspflästerchen, innen mit kleinen Spiegeln ausgestattet – auch für Mundpastillen und Cypre-Puder. Sicherlich waren kostbare Flakons für „eau de senteur“ oder das Schlagwasser-Fläschlein dabei und das Miniatur-Petschaft zum Siegeln eiliger Briefe und neben Nadelbüchse und Fingerhut diskrete Gegenstände wie Zahnstocher und Ohrlöffel.

Die Merveilleusen, die Hypermodernen des Directoire, kannten die eingearbeitete Tasche nicht mehr: Sie gingen in durchsichtigen Chemisen und trugen auch keine Unterröcke, sondern Trikots. Der Pompadour hieß allgemein reticule, ein Wort, das sich von „Netz ableitet; er erhielt wegen seines winzigen Formats schon bald den Namen Ridikül, der Lächerliche. Manchmal glich er einer hübschen kleinen Laterne, und da einige Gelehrte festgestellt hatten, daß schon die Athenerinnen Ridiküls getragen hätten, fertigte man für die Priesterinnen der Vernunft eine Art antiker Urnen aus Pappe oder lackiertem Blei und bemalte sie wie etruskische Vasen. Von unendlichem Reiz waren im Biedermeier die gestickten oder gehäkelten Börsen aus winzigen, farbigen, opaken Perlen. Die Reisetasche mit Papagei oder Rosenstrauß in Kreuzstich wird heute gern nachgeahmt, eine liebenswürdige Persiflage im technischen Jahrhundert.