Von Werner Ross

Man stelle sich ein riesiges Warenhaus vor, einen verschwenderischen Supermarket, und äußere dann den Wunsch, jemand möge in einer Einkaufstasche eine möglichst nahrhafte, schmackhafte und charakteristische Auswahl des dort Gebotenen mitbringen – und man hat die Lage, in welcher sich ein Lesebuchverfasser angesichts der deutschen Literatur befindet. Die fängt ja wirklich bei den Merseburger Zaubersprüchen an und hört ja tatsächlich mit Hesse, Brecht und Benn noch nicht auf; und wenn man den Begriff der Literatur nicht ungerechtfertigt eng faßt, muß man auch die großen Denker, Kritiker, Historiker, auch die Prediger und Propheten, die Politiker und Generäle, die Forschungsreisenden und Wirtschaftler dazurechnen – wenn sie bedeutende Gedanken in ein geprägtes Deutsch gefaßt haben.

Wer aus dieser Masse des Vorzüglichen auswählt, muß ein Prinzip befolgen. Ist sein Lesebuch für Schüler da, so vereinfacht sich das Verfahren. Die Pädagogik setzt die Diät für Altersstufen fest. So schreibt der berühmteste Lesebuchherausgeber der deutschen Literatur, der Schulrat Adalbert Stifter, im Vorwort zu seiner Sammlung, er habe nur sittlich Schönes, Würdiges, Verstandesgemäßes, das heißt künstlerisch Gebildetes zusammenzustellen sich bestrebt. „Lesebuch zur Förderung humaner Bildung“ war der Titel. Es ist ein rührend schönes Buch: Mit den deutschen Sagen fängt es an; mit dem Brief des Matthias Claudius an seinen Sohn Johannes und mit Platons Phaidon hört es auf. Die österreichischen Unterrichtsbehörden lehnten es wegen mangelnder Übereinstimmung mit den Lehrplänen ab.

Das „Deutsche Lesebuch“ Hugo von Hofmannsthals hat wie viele seiner Unternehmungen nach dem Ersten Weltkrieg eine hohe volkspädagogische Absicht verfolgt, derjenigen des Landsmannes Stifter nicht ganz unverwandt. Aber es stellt nicht bildende Texte vor, sondern eine Galerie von Autoren, siebzig im ganzen; nicht umsonst wird das französische Beispiel zitiert, die Kraft des nationalen Bewußtseins, das einen Kanon des Vorbildlichen schafft. Was wäre das Kriterium für eine solche Rang schaffende Auswahl? „Wir haben solche ausgesucht, deren Sprache und Tonfall uns ganz besonders wahr schien, solche, bei denen der ganze Mensch die Feder geführt hat... die, welche man wahrhafte Stilisten, wahrhafte Prosaisten nennen kann.“ Auch hier waltet der schöne Glaube, daß das Schöne und Gute in prästabilierter Harmonie zusammenfalle – das Erbe der großen Zeit, des „Jahrhunderts des deutschen Geistes“.

Während die Schullesebücher immer noch unter Titeln wie „Lebensgut“, „Fackel“, „Silberfracht“ dem Edlen, Ewigen, manchmal freilich auch dem Überlebten dienen, tritt ein Werk, das sich im Untertitel „Ein deutsches Lesebuch“ nennt, energisch für das Recht der Zeit in die Schranken:

„Zeichen der Zeit“ – Ein deutsches Lesebuch, zwei Bände in vier Teilen, 1750–1945, herausgegeben von Walther Killy; G. B. Fischer Verlag, Frankfurt; 744 u. 773 S., je 12,80 DM.

„Zeichen der Zeit“ erschien zuerst als Taschenbuch, und sicher nicht zufällig mit dem letzten Band zuerst. Wenn Hofmannsthal schrieb: „Am wenigsten wünschen wir uns den Leser, der alles historisch nimmt“, so ist hier die Gegenabsicht bewußt proklamiert – freilich nicht im Sinne eines Historismus, der alles zur Kenntnis nimmt und auf sich beruhen läßt, sondern sehr aktiv, sagen wir es ruhig: politisch. Kants Gedanken über die vollkommene bürgerliche Verfassung, Wielands Appell für Toleranz und Herders Utopie einer menschlichen Welt eröffnen den ersten Band. Man fühlt und erfährt: Was heute selbstverständlicher Besitz der Bildung ist, längst erworbenes staatsbürgerliches Recht, war damals zu erfechten, die milden Klassiker waren Avantgardisten, umstritten wie die kecksten Neuerer heute. Richtig, der Dichter Schubart saß auf der Festung Hohenasperg und ließ es sich einfallen, gegen den Verkauf deutscher Landeskinder an die Engländer zu protestieren. Der alte Nettelbeck, der uns als Verteidiger von Kolberg patriotisch nahegebracht wurde, erzählt hier schlicht von Hungersnot; Leisewitz, als Sturm- und-Drang-Dramatiker im Archiv der Literaturgeschichte abgelegt, wird in einer Pfändungsszene lebendig; da steht der denkwürdige Satz: „Laßt sie das Bett nehmen, die Unsterblichkeit können sie mir doch nicht nehmen.“