Seitdem unsere Verleger vor vier, fünf Jahren Dudinzew und Pasternak entdeckten, sind sie eifrig dabei, die jahrzehntelang versäumte moderne russische Literatur aufzuarbeiten. Das bringt zwar nicht gerade unser Weltbild ins Wanken, wie das nach 1945 geschah, als wir den Geist des neueren Westens nachbüffelten. Immerhin gibt, es überraschende Entdeckungen, bisweilen Reprisen. Einiges wurde ja schon in den zwanziger Jahren übersetzt, aber später gründlich vergessen. Beispielsweies Boris Pilnjak, den man uns jetzt wieder vorlegt – Von den Prosaikern der russischen zwanziger Jahre ist Pilnjak, Jahrgang 1894, Experimenten am meisten aufgeschlossen. Er zerbricht die alten Gattungen und spürt neue auf. Die damals noch genau markierte Grenze von Belletristik und Reportage erkennt er nicht an. Die sich später dazwischenschiebende Mischgattung, man mag sie feature oder anders nennen, hat sicherlich auch ihn zum Vater.

In Rußland arbeitete man damals an der Abschaffung der Fabel. Soweit das den Film betraf, erfuhr auch der Westen davon. Der Russe Wertow, Erfinder der Wochenschau, regte den Deutschen Ruttmann zu seinem berühmten Berlinfilm an.

Weniger bekannt sind die gleichartigen Bemühungen auf dem Gebiet der Literatur, insbesondere in der von Majakowskij angeführten LEF-Gruppe. Der Inaugurator des russischen Antiromans bahnte sich allerdings, auf den Spuren von Belyj und Remisow, seinen eigenen Weg. Er hieß Boris Pilnjak.

Pilnjak verwischte nicht nur die Grenzen der Gattungen, er riß auch die Schranken zwischen Opus und Opus ein. Ganze Partien wandern von Werk zu Werk, wobei ihre Funktion manchmal wechselt. „Mahagoni“, zunächst ein Stück für sich, wird in den Roman „Die Wolga fließt ins Kaspische Meer“ hineinmontiert, und zwar mit umgedrehter Tendenz: Die Kritik am Regime wendet sich zum Lob des Aufbaus.

Eigentlich handelt es sich nicht mehr um fertige Werke, sondern um Stadien der Anfertigung. Der Autor weist auf seine (schriftlichen wie mündlichen) Quellen hin, manchmal auch auf die Umstände, die ihn veranlaßten, ein Ereignis aufzugreifen.

Viktor Schklowskij, der Führer der russischen Formalisten, nannte das: Entblößung der Methode – der Schaffensmethode nämlich. In der Tat ist Pilnjak die virtuoseste Probe aufs theoretische Exempel der russischen Formalisten (die virtuoseste – nicht unbedingt die souveränste).

Und die Thematik? Auch sie wird bei Pilnjak von der Methode gelenkt. Das Material muß, damit die Antiform auf Touren kommt, aufwühlen oder wenigstens verblüffen. Den idealen Stoff, bewegt wie pittoresk, lieferte zunächst der russische Bürgerkrieg. Als diese Quelle versiegte, verlegte sich Pilnjak aufs Exotische. Er fuhr in ferne Länder, nach Tadshikistan, nach Japan, in die USA, und schrieb Reisebücher. Die Form hat sich darin etwas beruhigt. Wer an der Literatur das Gewordene schätzt, wird Pilnjaks Reisebücher seinen Revolutionsbüchern vorziehen.