Soziologen greifen Architekten an Die Zukunft, diesmal in Tabellen verpackt Eine Diskussion über das „Wohnerlebnis“

Von Irene Zander

Zu einem Kampfplatz, auf dem es mehr Schelte als treffende Hiebe setzte, war das diesjährige Diskussionsforum „Schöner wohnen“ in München geworden. In der Arena standen sich Soziologen und Architekten gegenüber oder: Fragebogen und Intuition. Angreifer waren die Soziologen, herausgefordert durch einen Forschungsauftrag, der ihnen vor zwei Jahren erteilt worden war und von Professor Dr. Alphons Silbermann zusammen mit dem Soziologischen Institut der Universität Köln ausgeführt worden ist Das Thema, das die mit diesem Forum wieder als Mäzen hervortretende „Teppichgemeinschafte. V.“ gestellt hatte, lautete: „Das Wohnerlebnis“.

München, im April

Die Katze ist aus dem Sack – sie wird noch lange unter uns sein.“ So verbindlich formulierend wollte Robert Guttmann, London, das Unbehagen an der Soziologie, vielmehr an der Rolle, die die Soziologen im Bauen beanspruchen, zudecken. Aber der Soziologieprofessor Dr. Alphons Silbermann deckte, antwortend, noch weiter auf: Dann wolle er die Mäuse jagen. Damit waren die Kollegen Architekten gemeint. Die Katze hatte den Herrn des Hauses zur Maus erklärt.

Übrigens war das einer der wenigen Augenblicke, in denen deutsch gesprochen wurde. Silbermann baute aus Fremdwörtern, seltsamen Satzgebilden und Fachbegriffen einen Wall, hinter dem verschanzt er seine Lanzen schleuderte. Professor Dr. René König, Köln, stieß gewandt, elegant, präzis nach. In perfektem Zusammenspiel trugen die Soziologen ihren Angriff gegen die Architekten nach vom: schmeichelnd, schnurrend, mit Samtpfötchen – und Krallen.

Der Weg zu solcher Gegnerschaft ist mit einer Reihe blendender soziologischer Untersuchungen gepflastert. Es sei hier an den Kongreß CIAM 1953 erinnert, wo Soziologen wie mit Zauberhänden das verletzte Gewebe menschlicher Beziehungen in nordafrikanischen Shanty-Towns freigelegt hatten. Sie wiesen nach, daß die natürliche Würde des Negers einen vor jedem fremden Einblick geschützten Lebensbereich der Familie verlangt. Nach solchen Erkenntnissen konnte man neue Stadtviertel bauen, in denen Neger nicht mehr proletarisierten. Wo es um die Bewahrung traditionell gesicherter Lebensformen geht, wird Bauen tatsächlich „expressiv“: Es drückt vorgebildete menschliche Lebensform aus.