Die Thesen, die das Buch des anglikanischen Theologen Dr. Robinson zur Frage stellt, sind – soweit sie in der Presse veröffentlicht wurden – nicht neu. Daß sie dennoch aktuell sind, beweist der öffentliche Disput, der um Robinsons Buch „Ehrlich zu Gott“ entbrannt ist.

Ob Gott als unpersönliche Weltseele zu verstehen, ob er nur in der Welt und an der Welt werde: dieses Problem hat schon die Pythagoräer und die Stoiker beschäftigt. Die pantheistische These vom All-Einen, das sich in den Wandlungsformen der Welt konkretisiert, ist in vielen Spielarten durchdacht worden. Der Weg reicht in neuerer Zeit von Spinoza bis Schopenhauer, von Hegel bis Bergson.

Wenn die Fragen nicht neu sind: woher dann das unvermutete, öffentliche Interesse?

Dem nachzugehen, ist einer Überlegung wert! Es wäre leichtfertig, in einem kurzen Artikel Probleme klären zu wollen, an denen Jahrtausende der Geistesgeschichte gewoben haben. Die Aufmerksamkeit aber, die plötzlich diesen Problemen zugewandt wird, will untersucht sein. Die Antwort dürfte sowohl auf die religiöse Verkündigung als auch auf die seelische Disposition des modernen Menschen ein bezeichnendes und manchmal verräterisches Licht werfen.

Es heißt: unsere Gottesvorstellung müsse revidiert werden. Sie sei zu naiv, zu handfest; sie entspreche nicht mehr dem Niveau des modernen Geistes. Es heißt aber auch: man müsse Anschauungen ermitteln, die den Bedürfnissen des modernen Geistes entgegenkommen und ihm attraktiv erscheinen! Die gewisse Paradoxie, die in diesen beiden Forderungen sich abzeichnet, verlangt nach einer doppelten Antwort.

Es mag stimmen, daß es sich die religiöse Verkündigung heute oft allzu leicht macht, daß sie eine sentimentale Vorliebe zeigt für naive Vorstellungen und dazu neigt, die Religion für den Hausgebrauch zurechtzuschneidern.

Diese Versuchung ist ebenso alt wie das religiöse Bewußtsein des Menschen und ebenso jung wie der moderne Mensch. Wer könnte leugnen, daß auch unter Christen und bei den Verkündern des Christentums immer wieder die Gefahr aufkommt, aus Elementen des Glaubens an den einen, wahren Gott sich ein liebenswürdiges Bild, eine Gottes Vorstellung nach dem Maßstab privater Bedürfnisse „für den Hausgebrauch“ zusammenzubrauen. Dann wird der Begriff „Vater“ verniedlicht; dann wird der „liebe Gott“ zu einem Popanz; dann werden die Sakramente magisch mißverstanden. Dann vergißt man die innerweltliche Tragik des Kreuzes; dann übersieht man, daß gerade die Güte des Gottes, den Jesus offenbart, der menschlichen Erfahrung eine unheimliche, unerforschliche Güte ist: eine Liebe, die nach göttlichen Maßstäben plant, die unvertraut ist und als letztes Kriterium der menschlichen Gegenliebe fordert, daß man Gott als dem „Vater“ glaube eben dann, wenn man sich „von Gott verlassen“ und dem Absurden ausgeliefert fühlt. Daß man Gott, dem unvertrauten, traut: eben weil Er Gott ist – und weil dem absoluten Geist nichts unterlaufen kann, was im letzten und aufs Ganze gesehen, sinnlos wäre.