Die Bibliothek Suhrkamp feiert Jubiläum; gerade wurde ihr hundertster Band ausgeliefert, achtunddreißig Briefe Peter Suhrkamps an achtundzwanzig seiner Autoren. Da stehen sie nun, die hundert kartonierten Bände, deren Preis nur wenig über dem der Taschenbücher liegt und die doch „richtige‘ Bücher sind. In den zwölf Jahren, die die Bibliothek Suhrkamp jetzt besteht, wurde immer deutlicher, daß sie – im Unterschied zu den meisten anderen billigen Buchreihen – es nicht darauf abgesehen hatte, anderswo bereits gedruckte Texte, die zufällig gerade „frei“ waren, zum zweiten oder dritten Male auf den Markt zu bringen: Unter ihren nunmehr hundert Bänden ist nur eine identische Parallelausgabe; achtundfünfzig hingegen sind Neuerscheinungen, die übrigen waren entweder vom Mark: verschwunden oder einzeln nicht erhältlich; und sämtliche Bände sind jederzeit lieferbar. Es wurde deutlich, daß der Verlag nicht weniger im Sinn hatte als den überlegten Aufbau einer Bibliothek der modernen Weltliteratur. Ist ein solches Vorhaben heute, wo die Rechte an allen wichtigeren Werken von Dutzenden von Verlagen eifersüchtig gehütet werden, nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt? Mußte der Verlag nicht über Gebühr auf jene Werke zurückgreifen, an denen er selber du Rechte besitzt? Wie überhaupt verhalten sich hier Idee und grausame Wirklichkeit? Das fragten wir uns – und wir fragten es die Herausgeber der Bibliothek Suhrkamp. Walter Boehlich, der Leiter des Lektorats, beantwortet im folgenden die zehn Fragen, die die Redaktion der ZEIT ihm stellte

Gibt es eine geistige Konzeption der Bibliothek Suhrkamp – und welches wäre der Platz, den etwa ein Einzelwerk Hermann Hesses in dieser Konzeption hätte?

In der Bibliothek Suhrkamp sollten eines Tages möglichst alle Autoren versammelt sein, die man zur Weltliteratur des zwanzigsten Jahrhunderts rechnen könnte. Sie verschließt sich ihrer Definition nach kaum einem Namen, keinem Lande und keiner Hemisphäre, beschränkt sich aber, wenigstens zunächst, auf die Literaturen, die untereinander in lebendiger Wechselwirkung stehen, demselben abendländischen „System“ angehören. Es stehen freilich, dem Charakter des Verlages, der sie herausgibt, entsprechend, deutsche Autoren im Vordergrund. Sie spiegelt also die deutsche Literatur vollständiger als irgendeine andere, und sie spiegelt sie in einem Umfang, der ihren Anteil an der modernen Weltliteratur übertrieben erscheinen läßt. Auch ein Einzelwerk von Hesse kann in ihr nur den Platz haben, der ihm innerhalb der deutschen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts – und ihrer Entwicklung – gebührt.

Welche – inneren und äußeren – Wandlungen hat die Bibliothek Suhrkamp in den zwölf Jahren ihres Bestehens durchgemacht?

Die Bibliothek Suhrkamp hat seit ihrem Bestehen eine entscheidende äußere Wandlung erfahren. Die Umschläge sind farbiger, praktischer, großzügiger geworden. Der Einband ist nur unwesentlich verändert worden – durch ein farbiges Rückenschildchen. Die innere Wandlung der Bibliothek Suhrkamp ist allmählicher und weniger augenfällig vonstatten gegangen. Sie zeigt sich in der Auswahl der Namen und Titel, bisweilen in einem strengeren kritischen Maßstab, vor allem aber im Erwerb von Lizenzen für solche Autoren, die sonst fehlen müßten.

Wie viele Rechte für Bibliothek-Ausgaben müssen Sie von anderen erlagen kaufen – und haben Sie Schwierigkeiten beim Erwerb solcher Rechte?

Je mehr die Bibliothek Suhrkamp wächst und sich zu einer wirklichen Bibliothek ordnet, desto mehr sind wir darauf angewiesen, Rechte von anderen Verlagen zu erwerben. Anders ließe sich nicht erreichen, was einmal erreicht sein müßte, sofern wir nicht die „Konzeption“ dieser Bibliothek verleugneten und uns dem Zufall anheimgäben. Die Zahl der Lizenzen dürfte nach Möglichkeit zwanzig Prozent nicht übersteigen. Im Vordergrund werden auch in Zukunft Autoren des Verlages stehen, während Autoren, deren Rechte in anderen Händen sind, durch Beispiele vertreten sein sollen. Dabei bemühen wir uns, nicht lediglich eines der Werke dieser Autoren nachzudrucken, sondern überall dort, wo es möglich und sinnvoll ist, eigentümliche Auswahlen oder Zusammenstellungen zu veröffentlichen, die so noch nicht existieren. Gelegentlich ist uns um des eigensinnigen Charakters der Bibliothek Suhrkamp willen gerade an Büchern gelegen, die ihre Originalverleger nicht mehr herausbringen möchten oder noch nicht herausbringen konnten. Auf manches können wir guten Gewissens schlechthin nicht verzichten, nicht auf Faulkner und nicht auf Virginia Woolf, nicht auf Camus und nicht auf Gide, nicht auf Pavese und nicht auf Vittorini. nicht auf Kafka, Broch, Musil, Hofmannsthal und viele andere, die ihren Platz schon gefunden haben oder noch finden werden. Schwierigkeiten beim Erwerb der Lizenzen haben wir im allgemeinen nicht. Viele unserer Kollegen sind großmütig und einsichtsvoll; manche von ihnen helfen uns einfach, weil sie selbst Spaß an der Bibliothek Suhrkamp haben. In anderen Fällen geben wir ihnen unsererseits im Austausch Lizenzen für ihre eigenen Reihen.