Von Hermann Graf Hatzefeldt-Dönhoff

Ibadan (Nigeria), im April

Wenn man aus Ibadan, der größten Stadt Schwarz-Afrikas, zurückkehrt auf das Universitätsgelände, so ist es, als habe man einen lärmenden Marktplatz hinter sich gelassen und trete in einen hohen, kühlen Saal ein. Alles ist gerade ausgerichtet, klar und großzügig: steile Bauten, kurzgeschorener englischer Rasen, an den Rändern abgestochen – die gemessene Ordnung eines viereckig in den Busch gerodeten hypermodernen Europas. Kein Wunder: Maxwell Fry, ein Schüler von Gropius, hat die Entwürfe gezeichnet, die eine Mailänder Firma ausführte.

Das University College – UCI, wie es kurz und zärtlich genannt wird – wurde 1948 von den Engländern gegründet. Es ist die älteste und auch bei weitem größte der fünf Hochschulen Nigerias. Zur Zeit studieren in den sechs Fakultäten (Arts, Science, Medicine, Economics, Agriculture und Education – größenmäßig in dieser Reihenfolge) rund 1650 Nigerianer und 50 Ausländer. Die Ausländer kommen hauptsächlich aus Ghana und Kamerun. Es gibt aber auch zwei geflüchtete Südafrikaner und ein Dutzend Weiße, in der Mehrzahl Amerikaner.

Erstaunlich viel Englisches hat sich über die Jahre erhalten. Trotz angestrengter Nigerianisierung besteht heute noch, zwei Jahre nach der Unabhängigkeit, der Lehrkörper zu einem guten – man sagt unentbehrlichen – Drittel aus Weißen, hauptsächlich britischen Professoren, Übrigens gibt es in Schwarz-Afrika keine zweite Universität, an der zwei Drittel des Lehrkörpers Einheimische sind. Die Engländer haben sehr früh Nigerianer zum Studium nach England geholt, und das macht sich jetzt wohltuend bemerkbar.

Das Idol der Studenten

Ich höre bei einem Nigerianer „Angewandte Ökonomie“. Dieser Schwarze, ein junger, agiler, gewinnender Bursche, ist das Idol der ganzen Fakultät. Er hat einen hohen Posten in der Regierung und kommt nur für den Samstag von Lagos herüber. Tritt er in den Vorlesungsraum, brandet ihm brausender Beifall entgegen, der, hebt er die Hand, sogleich in angespannte Stille verebbt. Die Studenten lieben ihn, sie reißen sich um seine Aufmerksamkeit, hängen ihm über die Bank entgegen und stellen belanglose Fragen, nur um in die zufällige Gunst seines Blicks zu geraten. Er ist ihr Wirklichkeit gewordener Traum, ist die wandelnde Erfüllung ihrer Sehnsüchte, die gegenwärtige Zukunft: jung, selbstsicher, einflußreich, wissend, karrieregewiß – alles wie ein weißer Mann, und doch ist er ganz Nigerianer ...