L., Berlin

Häßlichkeit verkauft sich schlecht“ – mit diesem Satz hat Raimond Loewy das Credo der Formgestalter geprägt. So wenigstens konnte man meinen, bis die Kulturfunktionäre der SED mit ihrer Erkenntnis herausrückten, daß industrielle Formgebung ein „ideologisches Problem“ sei. Ein „ideologisches Problem“ deshalb, weil ihrer Meinung nach die „bürgerlichen Ideologen“ die Unterwerfung des Menschen unter die Technik predigen und ihm darum Gebrauchsgegenstände zudiktieren, als deren Gestaltungselement nur die „absolute Funktionsform“ anerkannt wird.

Von Loewys Slogan bis zu dieser Folgerung ist ein weiter Weg. Martin Keim‚ Direktor des Instituts für angewandte Kunst in Ostberlin, legte ihn allerdings im Geschwindschritt zurück, als er im „Neuen Deutschland“ das ideologische Fazit aus der Ausstellung „Industrielle Formgebung“ im Dresdner Johanneum zog und gegen die „nicht seltene“ Auffassung wetterte, Dekore an Geschirren seien überflüssig, denn das „technische Grau“ sei die allein mögliche Farbe:

„Bedeutet eine Reduzierung auf wenige Elemente nicht eine Verarmung unserer gestalterischen Möglichkeiten? Verlangt unser Leben nicht wirklich nach vielfältigen ausdrucksvollen Gestaltlösungen, die den Eigenschaften und Erlebniskräften des sozialistischen Menschen entsprechen?“

Ein Blick in die Porzellangeschäfte der HO oder des Konsum beweist, wieviel diese Darlegungen von der mitteldeutschen Wirklichkeit trennt. Ist wirklich Geschirr in den Regalen und Vitrinen ausgestellt – zumeist Steingut, denn Qualitätsporzellan ist für den Export reserviert – dann ist es mit Blümchen, Ranken und Schnörkeln verziert, Gebrauchsware ohne jeden künstlerischen Anspruch, wie überall. Dennoch aber: dem Genossen Keim ist es ernst mit der guten Industrieform – und nicht nur ihm, wie die Ausstellung in Dresden zeigt.

Professor Horst Michel stellte die Ausstellungsstücke zusammen, unter denen einige hervorragend gelungene Stücke neben der Masse des einfallslosen und konventionellen Durchschnitts stehen. Gerade aber die herausragenden Beispiele haben ihren Entwerfern Ärger gemacht, denn sie sahen sich unvermutet heftiger Parteikritik ausgesetzt; sie hätten sich unverkennbar von westlichen Vorbildern leiten lassen.

Schon letztes Jahr zog Karl-Heinz Hagen im „Neuen Deutschland“ gegen den „Hang zum kalten Ästhetizismus, zu farbloser Eintönigkeit und Verarmung der künstlerischen Formen bis zum nackten Funktionalismus“ vehement zu Felde, und Martin Keim assistiert ihm jetzt im Kampf gegen die „schädlichen Tendenzen in der industriellen Formgebung“ mit dem Argument, zu oft werde von den Künstlern „Weltniveau“ mit „West-Niveau“ gleichgesetzt. „Gestaltungen der kapitalistischen Welt“ würden kritiklos übernommen und als Maßstäbe der eigenen Entwicklung akzeptiert. Wohl räumt er ein, daß auch im Westen viele gute Formlösungen gefunden worden seien, „und wir können sogar einige Erfahrungen für unsere Arbeit ausnutzen“, aber: „Auf diesem Teilgebiet ist die ideologische Kluft nicht so schnell zu erkennen wie auf anderen Gebieten der Kunst... Jedoch wäre es falsch, die angewandte Kunst in ihrer Totalität aus dem ideologischen Bereich herauszulösen.“