Germania est omnis divisa in partes tres: Den einen Teil bewohnen die Ostdeutschen, den andern die Westdeutschen und den dritten die Gesamtdeutschen. Dieser letzte Teil ist eine rein imaginäre, dennoch, aber sehr wesentliche Größe: Wo man nicht gesamtdeutsch leben kann, da kann man doch gesamtdeutsch denken, wenn’s auch schwer fällt. Und weil es so schwer fällt, macht man am besten gleich einen Beruf daraus, eine Karriere, denn irgendwie leben muß man ja schließlich, und möglichst irgendwie gut leben, wenn schon nicht gesamtdeutsch.

Wie stellt man es an, daß gesamtdeutsches Denken seinen Mann ernährt? Nicht jeder kann Minister sein, nicht jeder gesamtdeutscher Kolumnist im Stern. Nicht jeder hat ein Grundstück an der Mauer zum Schatzgraben. Nicht jeder kann sich seinen Geheimdienst halten, drüben – mancher muß sich mit dem Abonnement des „Neuen Deutschland“ und des FDJ-Organs „Junge Welt“ begnügen zum Zwecke der Information, der reinen Information, dem Verfassungsschutzamt wohlbekannt.

Was dabei herauskommt, wenn einer auf dieser Informationsbasis zweimal wöchentlich gegen Honorar gesamtdeutsch denkt, das kann man seit Jahren im Südwestfunk hören, montags und freitags um 7.10 Uhr, als Perpetuum mobile der Wiedervereinigung: „In gemeinsamer Sorge“, eine Sendung für Mitteldeutschland.

„Eine Sendung für Mitteldeutschland“, darüber sollte man sich freuen können angesichts der Tatsache, daß – im Äther sowohl als per Post – mehr von drüben nach hier gesendet wird pro Kopf der Bevölkerung als umgekehrt.

Stellen wir uns die Sache einmal ganz konkret vor: Da sitzt also ein Mann in – sagen wir – Kottbus, ein Familienvater, diesen Winter in der Morgenfrühe, er hat keine Kohlen, keine Butter aufs Brot, das Gas ist gesperrt, der Strom rationiert, das Soll untererfüllt, die Frau dienstverpflichtet, die Kinder FDJ-Spitzel – und es gelingt ihm das Kunststück, zwischen Rasur und und Muckefuck den SWF „abzuhören“.

Da empfängt ihn eine Stimme, deren maschinelle Präzision ihn plötzlich merken läßt, wie kalt Gesamtdeutschland ist: „...besonders hart ist davon die Sowjetzone betroffen, deren Energieversorgung nunmehr vollkommen zusammenzubrechen droht. Aus allen Bezirken treffen laufend neue Hiobsbotschaften ein: In Kottbus wurden die Verbraucher aufgefordert, die 60-Watt-Glühbirnen durch solche von 25 Watt zu ersetzen ... Nur an der Mauer brennen die Lichter noch hell... Zugverkehr eingeschränkt in Magdeburg .. Trinkwassermangel in Dresden ... zwangsverpflichtet... FDJ-Spitzel...“

Ja, just dies hört er, und „den Schaden hat die Bevölkerung im Reiche Walter Ulbrichts“ – danach Blasmusik.