Von Max Rychner

Fünfzehn Aufsätze und Vorträge, also eine Poetik, sind in dem Band

Paul Valéry: „Zur Theorie der Dichtkunst“, aus dem Französischen von Kurt Leonhard; Insel Verlag, Frankfurt; 240 S., 14,80 DM

vereinigt. Eine Poetik, in der technische und architektonische Elemente ihre Stelle haben, während heute punktuelle Impressionen in der Lyrik vielfach die nach Zufällen locker gereihten Assoziationen und Metaphern bestimmen, jeden Augenblick den gefürchteten Notwendigkeiten eines folgerechten Bauzwanges ausweichend, als wäre der Autor von ihm bedroht und müßte die dichterische Freiheit wahren, während er längst aus dieser Sphäre herausgetreten ist. Ein neuer lyrischer Weltprozeß ist im Gang, in dem oft scheinbare Modernismen nichts anderes als Abkömmlinge aus Zeiten vor dem bewußt gelenkten Stilwillen von Poe, Baudelaire, Mallarmé, Valéry sind, der romantischen Inspirationslehre näher als den seitherigen Lehren vom Gedichtbau.

Die Inspiration: kaum einer hat sich über diesen der Romantik noch heiligen Begriff so lustig gemacht wie Valéry; er hat ihn weniger als Einhauchung göttlich dichterischen Geistes in den Menschen aufgefaßt, denn als Selbstaufblasung des Menschen. Aus ist es da mit dem Glauben der Mystiker an die göttliche Einwohnung im Enthusiasmus oder an eine Verschmelzung mit Gott im Außersich der Ekstase, ein Glaube, der sich auch in verweltlichter Gestalt erhalten hatte und der gerade bei uns, als ein sehnsüchtiges oder nur noch süchtiges Glauben an irgendwelche Formen vom irrationalem Genie, immer wieder Verehrer auch trüber Tiefen betört.

In einem Zeitalter, dessen Unternehmungen auf Erden und im Himmel subtilste Berechnungen erfordern – denn wer wollte sich schon einer nur mit Inspiration oder Intuition erschaffenen Weltraumkapsel anvertrauen – in unserem Zeitalter hat die Lehre von der dichterischen oder, wie man so gern sagt, schöpferischen Inspiration etwas beinahe Herausforderndes erhalten. Ist es nicht, als würde die persönliche Obervernunft oder Unvernunft im Rang erhoben über die Vernunft, namentlich über den Allgemeincharakter der Vernunft? Ein Gebiet der Innerlichkeit, das als besonders persönlich galt, wurde beinahe vergöttlicht, seit der Aufklärung freilich immer mühsamer, seit den Forschungen der Tiefenpsychologie auf eine oft bizarr überanstrengte Weise.

Und doch hat die Inspirationslehre, von Valéry so gering geschätzt, eine vornehme Herkunft: Wir finden ihre ehrwürdige Vorform bei Platon, im Phaidros, wo er von der Manie spricht, was die Wörterbücher mit Wahnsinn, Raserei, Verzückung, Begeisterung übersetzen. Es heißt da: