Los Angeles, im April

Das Haus hinter Hecken und Bäumen strahlte auch nachts im Licht. Es war voller Leben. Projekte für den amerikanischen, den europäischen, den afrikanischen und den asiatischen Kontinent wurden hier von Mitarbeitern aus vielen Ländern der Erde bearbeitet. Zuletzt fand ich darin neben dem bearbeitet, schen Stab einen Russen, einen Polen, einen Schweden, einen Italiener, drei Deutsche und einen Türken, und gerade erst waren dreißig Architekten aus Mailand durch das Haus am Silverlake Boulevard, in Los Angeles geströmt, um es zu betrachten und um Richard Neutra zu besuchen. Es war seit Jahren üblich, daß ausländische Besucher und Bewunderer den amerikanischen Architekten sprechen und den von ihm 1931 erbauten Prototyp eines modernen Hauses studieren wollten. Prototyp – es war im techstudieren so versierten, komfortgewohnten Amerika die technische Neuheit dieses Hauses, die Neutra zuerst und für lange Zeit den Ruf eines hervorragenden, wagemutigen Technikers eingebracht hat.

Das Haus steht nicht mehr. Plötzlich, niemand weiß, wie es geschah, brach in einer dieser kühlen kalifornischen Nächte, die auf die leuchtenden, sonnendurchglühten Frühlingstage folgen, ein Feuer aus, während der Hausherr sich auf einer Vorlesungsreise im Norden des Landes befand. Es vernichtete in zwei Stunden ein Dokument der Geschichte moderner Architektur.

Aber es war mehr als das. Dieses Versuchshaus, in seiner Konzeption frisch wie am ersten Tag vor mehr als dreißig Jahren, war lebendige Gegenwart, und für Neutra hatte es in jedem Detail einen Erinnerungswert: Mit diesem Haus hatte er seine späte große Karriere begonnen. Für ihn, der mit seiner Frau den weiten Weg aus Wien hierher zurückgelegt hatte, war es ein „Psychotop“, wie er es nennt: ein Ankerplatz für die Seele geworden.

Neutra, der ohne jeden Zweifel zu den Pionieren heutiger Architektur gehört, hat in seinem autobiographischen Buch „Auftrag für morgen“ erzählt, wie dieses Haus am Silverlake entstanden war. Es war in einem Augenblick geschehen, als sich der Architekt aus Wien, der in Amerika sein Glück versuchte, in einer verzweifelten Lage befand. Tagelang spazierte er in einem Park nahe dem Silverlake umher, weil er nichts zu tun hatte. Schon damals war ein Fußgänger in Los Angeles eine so ungewöhnliche Erscheinung, daß ihn Polizisten mißtrauisch anhielten, wenn er auf und ab ging.

Er schien weiter denn je davon entfernt, seine hochfliegenden Pläne in diesem „Land der großen Möglichkeiten“ zu verwirklichen. Jedoch der Mann, der ihn bald besuchte, war kein Einwohner dieses Landes, er kam aus Holland: C. H. v. Leew, ein Industrieller, gab Neutra Geld, damit er sich ein eigenes Haus baue. Es sollte ein Experiment sein: „nach den Wünschen des Architekten“. Und Neutra verwirklichte seine Vorstellung, daß Häuser „für Menschen“ gebaut werden müssen, für ihre Gesundheit, ihr Wohlbefinden, zur Förderung ihrer Kräfte. Die Menschen, die das Versuchshaus dann anlockte, waren zuweilen schockiert, öfter jedoch überzeugt und gewonnen.

Wenn man die übliche Achitektur jener Jahre um 1930 betrachtet – auch die unserer Tage –, und wenn man Zeitschriften von damals sieht, erst dann kann man ganz ermessen, welche Neuheit Neutra da verkündete. Der Bau wurde immer wieder als eine Antwort auf die Notwendigkeiten unserer Zeit beschrieben, weil Neutra in kühner Konsequenz die vielfach ängstlich gemiedenen Materialien unserer Epoche benutzte: Stahl, Aluminium, Beton, Glas, Plastikstoffe (1931!). Er nahm gefärbte Spiegelglasscheiben statt der obligaten Fliesen für das Badezimmer, um auch kleine Räume transzendent erscheinen zu lassen, und er spielte mit Spiegeln, um Zimmer größer erscheinen zu lassen, und die Natur hereinzuholen.