Von Wolfgang Paul

„Berlin hat immer Nachfrage.“ Diese Bemerkung fällt seit einiger Zeit in allen Reisebüros. Unentwegt werden dort Einzelreisen nach West-Berlin zusammengestellt. Es sind Reisen mit dem Flugzeug, mit dem Bus oder mit der Bahn, und der Reisende kann je nach Geldbeutel im Berliner Hilton-Hotel oder in einer kleinen Pension wohnen. Die Reisebüros besorgen außerdem Karten für Theater, Oper, Konzert, Kabarett. Auch zu den Berliner Filmfestspielen vom 21. Juni bis zum 2. Juli werden Reisen arrangiert, desgleichen für die im Herbst stattfindenden Berliner Festwochen. Aber Berlin bietet ja nicht nur Theater, Oper und das Hansaviertel, es hat auch Bars und ein weitstädtisches Nachtleben.

Die Mauer kam, der Schock, die Resignation, die Überwindung der Resignation („Mit der Mauer leben“). Westberlin verlor den Osten der Stadt, es wurde westlicher als in München oder Frankfurt am Main. Nun wurde es plötzlich zum Reiseziel für die Leute aus der Bundesrepublik, aus dem westlichen Ausland, aus Übersee. Die Mauer. Die Kunst. „My Fair Lady.“ Nofretete. Komm, sieh und erschrick, aber lebe! Sieh dir an, wie die an der Mauer leben.

Die Zahl der Nachtbars, das Nachtschwärmervergnügen breitete sich aus. Die Standardlokale bekamen Konkurrenz. Westberlin wurde auch nachts weltstädtischer. Die Westberliner gingen mehr „aus“ als je, sie suchten Ablenkung. Und die Fremden suchten nachts, nach den fürchterlichen Erscheinungen des Tages an der Mauer – ebenfalls Ablenkung.

Die Stadt bietet sie heute mehr denn je seit 1933.

Sie ist nicht frivoler geworden, aber ein wenig leichtsinniger. Wer könnte es ihr verdenken ...

Kommt jemand aus dem Westen, so erwartet ihn eine Ochsentour: nach der Deutschen Oper oder dem Schillertheater, nach der „Lady“ der Hilton-Dachgarten. Dort sitzt man wie im Fesselballon und übersieht den nächtlichen Breitscheidplatz mit der Gedächtniskirche, zugleich aber auch Siegessäule, Reichstag, die innere schreckliche Grenze mit den Leuchtkugeln am Potsdamer Platz und dem eisblauen Licht der KZ-Laternen.