Das Vesperbild, die Darstellung der Maria mit dem toten Christus auf dem Schoß, wird zu Beginn des vierzehnten Jahrhunderts ein Thema der deutschen Plastik. Vesperbild – weil zur Vesperzeit davor gebetet wurde. Oder auch, nach Dehio, weil die Darstellung an das kirchliche Passionsspiel anknüpft und die Szene wiedergibt, die am Abend des ersten Tages gespielt wurde. Das Bild der Schmerzensmutter ist in der deutschen Mystik um 1300 vorgeformt; von daher hat die Plastik es übernommen. Bei Seuse heißt es: „Ich nam min zartes kind uf min schoze und sah ihn an – do waz er tot; ich luogt in aber und aber an, do enwas da weder sin noch stime, sieh, do erstarb min herze.“

Das abgebildete Vesperbild, aus dem Ursulinenkloster in Erfurt, ist um 1330 entstanden. Ein Realismus, den die vorangegangene klassische Zeit der Gotik nicht ertragen hätte, wird angestrebt in der Todesstarre des Leichnams und in den verzerrten, verzweifelten Zügen der Maria, und dieser Realismus übersteigert im Sinne eines Ausdruckszwanges, der den Betrachter an der Compassio teilnehmen, ihn das Leiden mitleiden läßt. Erst in Italien, das nach 1400 das deutsche Vesperbild übernimmt, wandelt sich die radikale und rücksichtslose Inbrunst der Compassio in die mildere und schwächere Form der Pietà.

Das Erfurter Vesperbild ist dem Bildband „Gotische Plastik in Europa“ entnommen, in der Reihe „Monumente des Abendlandes“, die der Umschau Verlag, Frankfurt, herausbringt (200 Bildtafeln und 28 Textseiten, 32,80 DM). Der Band umfaßt die Zeit von 1150 bis 1350, die klassische und mystische Zeit der Gotik. Das klassische Jahrhundert der großen Figurenzyklen, der Bauplastik, der Kathedralkunst, einer Kunst, die die Ideale des Rittertums in den Stein transponiert und in der Reihe der Naumburger Stifterfiguren als der Selbstdarstellung der ritterlichen Gesellschaft gipfelt. Die Zäsur liegt „nach 1250“. Die Plastik „verlagert sich von der Fassade auf den Altar, von außen nach innen“, schreibt Professor Hans Weigert in seiner knappen Einführung. Die zweite Welle der Mystik hat dann um 1300 die „Andachtsbilder“ geschaffen, die an Nebenaltären aufgestellt waren, wo kein Priester die Messe las, wo der Gläubige mit dem Bild allein war. Die Andachtsbilder isolierten bestimmte gefühlsbetonte Momente der Passionsgeschichte. Zu ihnen gehören die Darstellungen von Christus und Johannes (ein „Ausschnitt“ aus dem Abendmahl), Christus der Schmerzensmann (aus der Geißelung), das Heilige Grab (aus der Grablegung) und das Vesperbild, das einzige unter den Andachtsbildern, das auf keinen Bibeltext Bezug nimmt – eine ekstatische Vision der deutschen Mystik. Gottfried Sello