Von Wolfgang Krüger

Im Laufe dieser Woche wird es sich wahrscheinlich entscheiden, ob die Lohnauseinandersetzungen in der Metallindustrie auf friedlichem Wege oder mit dem Mittel des Streiks und der Aussperrung ausgetragen werden. Sollte es dazu kommen, sollte also die IG Metall die Verhandlungen endgültig als gescheitert erklären und die vorbereitenden Schritte zur Eröffnung der „Kampfphase“ (Urabstimmung) unternehmen, dann hätten dafür in diesem Jahr auch die Unternehmer ein gerüttelt Maß an Verantwortung zu tragen.

Der Gesamt verband der metallindustriellen Arbeitgeberverbände (Gesamtmetall) unter seinem Vorsitzenden Herbert van Hüllen war schlecht beraten, der Lohnforderung der Gewerkschaft von 8 % die unglückselige und mißverständliche These von der Notwendigkeit einer Lohnpause entgegenzusetzen. Auch ihre Befristung auf die Zeit bis Ende Juli – so lautet das zur Zeit letzte „Gegenangebot“ der Unternehmer – ändert nichts an der Tatsache, daß das Auffahren eines solch schweren Geschützes durch die gesamtwirtschaftliche Lage, eingeschlossen die Metallindustrie, nicht gerechtfertigt ist.

Die Erfahrungen, die in anderen Ländern mit Lohnpausen gemacht worden sind, sind nicht die besten. In England z. B. hat man es erst vor eineinhalb Jahren wieder, und zwar von höchster Hand, versucht, die Löhne festzuhalten – mit dem Ergebnis, daß nach Beendigung der halbjährigen Lohnpause im Frühjahr vergangenen Jahres der Lohndruck um so stärker auf der Wirtschaft lastete. Dabei gab es wirkliche Gründe dafür, mit Härte auf die Bremse zu treten. Das Land stand seit geraumer Zeit in akuten Zahlungsbilanzschwierigkeiten. In der gesamtwirtschaftlichen Bilanz regierten die roten Zahlen.

Davon kann bei uns in der Bundesrepublik nun keine Rede sein. Allerdings gehören die hohen Zuwachsraten der Nachkriegszeit endgültig der Vergangenheit an.

Es ist möglich, daß sich der Export Überschuß weiter verringern wird; aber der Export selbst wird auch in diesem Jahr, nach den Vorausberechnungen des Wirtschaftsberichts der Bundesregierung, zunehmen (real + 2 1/2 %). Das Expansions tempo hat sich verlangsamt, aber die Expansion geht weiter und wird auch, soweit sich das voraussagen läßt, in der nächsten Zukunft ihren Fortgang nehmen (siehe Tabelle).

Es ist, angesichts der Zahlen, die in letzter Zeit von der Bundesregierung und den wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstituten vorgelegt worden sind, einigermaßen unerfindlich, woher die Metallindustriellen (bzw. der Bundesverband der Deutschen Industrie, der sich in diese Auseinandersetzung eingeschaltet hat, obwohl dafür die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände zuständig ist) den Mut nehmen, im angeblich gesamtwirtschaftlichen Interesse eine Lohnpause zu proklamieren. Es ist klar, und das bedarf keiner weiteren Erläuterungen, daß auch die von Otto Brenner und seiner Gewerkschaft geforderten 8 % nicht in die gegenwärtige wirtschaftliche Situation passen, die von Zuwachsraten von 3 bis 4 % bestimmt wird. Aber saftig überhöhte Lohnforderungen der IG Metall sind nichts Neues; sie können niemanden überraschen. Überraschend ist es aber, daß nun auch die Unternehmer Illusionen nachzujagen beginnen.