Jede Epoche hat ihre Zauberworte, die van Dezennium zu Dezennium wechseln können. Eines der heute marktfähigen ist der „Text“, und Max Bense hat den Versuch einer zeitgerechten literarischen Ästhetik „Theorie der Texte“ genannt.

Hier findet sich auch eine Definition dessen, was ein Text sein soll: „Texte sind sprachliche Gebilde, die aus Wörtern als den entscheidenden Elementen bestehen. Text ist der Oberbegriff für alle Arten von Zusammenstellung dieser Elemente in zeitlicher und räumlicher Hinsicht.“

Geht man vorsichtigerweise jedoch nicht von diesem scheinbar frappierenden Textbegriff aus, sondern von der Sprache, in der die Texte auftreten müssen, so erweist sich Benses Definition als fragwürdig. Denn Sprache besteht nicht aus Wörtern als „entscheidenden Elementen“, sondern aus Sätzen, wie seit Hamann und Herder bekannt ist.

Das Telegramm „Ankomme Dienstag“ bedient sich zu seinen informativen Zwecken zwar sprachlicher Elemente, der Wörter nämlich, ist aber noch nicht Sprache. Sprache ist erst der Satz mit seinem Überfluß an Wörtern, mit seiner durch den Sprechenden bedingten „Redundanz“, die den Informationstheoretikern so unbehaglich ist.

Sprache ist die Rede, in der das Ich dem Du etwas von sich selber mitteilt: das Vehikel der menschlichen Geselligkeit.

Benses Theorie negiert diese Sprache, indem sie kurzerhand alles, was aus Vokabeln und Interpunktionen besteht, zu Texten erhebt.

„Ein Text ist“, so orakelt die Theorie, „in den Maße ein sprachliches Kunstwerk, als er ästhetische Informationen verwirklicht und vermittelt, und er verwirklicht und vermittelt sie schon, insofern er überhaupt auf einem statistisch beschreibbaren Anordnungsgrad, auf einer selektierenden Komplexität bzw. auf einer Häufigkeitsverteilung aufgewendeter Elemente, bzw. Klassen von Elementen beruht... nur statistisch .. kann also der ästhetische Zustand, den der Text .... fixiert, wiedergegeben werden...“