De GauII es neue Taktik: Lächeln für Frankreich

Der Zunft der Kreml-Astrologen und Pekinologen hat sich eine neue Gilde politischer Auguren zugesellt: die der Elyseeologen. Was will der General? Die Elyseeologen sind darauf angewiesen, seine Texte auszulegen: die Memoiren, die Rundfunkansprachen, die Äußerungen vor der Presse. Ab und zu dringt auch eine wohlberechnete Indiskretion durch die hohen Mauern, die den Elyseepalast umgeben, und zuweilen läßt sich an der Stärke der Polizei-Eskorte, die einem fremden Staatsmann zugeteilt wird, ablesen, welchen Mutes der General ist. Im Gallien Cäsars suchten die haruspices die Zeichen der Zeit in den Eingeweiden von Schafen; im Gallien Charles de Gaulles müssen sie sich mit "weißen Mäusen" behelfen.

Am Sonntagabend wurde der britische Außenminister in Paris wieder von weißen Mäusen eskortiert, die ihm de Gaulle vor drei Wochen verweigert hatte; am Quai d’Orsay empfing ihn Couve de Murville zu einer Aussprache. Auch US-Außenminister Dean Rusk unterhielt sich fast zwei Stunden lang mit seinem französischen Kollegen, und am Montag hat ihn Staatspräsident de Gaulle zu einer siebzig Minuten währenden Unterredung empfangen. Zum erstenmal seit einem Vierteljahr ist es an der Seine wieder zu französisch-amerikanischen und französisch-britischen Kontakten auf hoher Ebene gekommen. Der abgerissene Faden wurde wieder angeknüpft: Man spricht wieder miteinander.

Kleiner westlicher Gipfel

Es ist ironisch, daß ausgerechnet eine Tagung des Südostasien-Paktes den Anlaß bot, das unfreundliche Klima, das seit dem Brüsseler Fiasko innerhalb der atlantischen Allianz herrscht, wieder ein wenig zu erwärmen. Gewiß stand im Vordergrund der Konferenzwoche vor allem das Problem von Laos, wo nach der Ermordung des Außenministers Quinim Pholsena neue Kämpfe ausgebrochen sind; schon zeichnet sich die bedrohliche Möglichkeit ab, daß das ohnehin auf schwachen Fundamenten ruhende Gebäude der laotischen Neutralität einstürzt.

So sehr aber auch die neue Gefährdung des Friedens in Südostasien die in Paris versammelten Staatsmänner beschäftigte – bedeutsamer erschienen allen Beobachtern doch die intern-atlantischen Fühlungnahmen am Rande des SEATO-Treffens. Die Anwesenheit vieler Außenminister gab der NATO-Ratssitzung am Mittwoch fast den Charakter einer kleinen westlichen Gipfelbegegnung. Auch Couve de Murville, der vor drei Wochen dem NATO-Rat brüsk ferngeblieben war, nahm daran teil.

Die weißen Mäuse für Lord Home und die Freundlichkeiten der letzten Tage sind Anzeichen dafür, daß der General bestrebt ist, seine starre Haltung zu lockern und die Isolierung zu durchbrechen, in der er Frankreich mit seiner Pressekonferenz vom 14. Januar versetzt hat. Angeblich entschloß er sich vor drei Wochen, seinen Partnern in der Sache zwar unverändert hart, aber doch in der Form wieder verbindlich gegenüberzutreten; er begann eine Offensive des Lächelns.