Rom, im April

Der italienische Wahlkampf, der seine Halbzeit schon überschritten hat, ist bisher ohne Höhepunkte verlaufen. Am 28. April sollen die Wähler an die Urnen treten.

Das Wahlklima ist diesmal sehr kühl. Bisher hat keine Partei mit suggestiven Slogans die Phantasie der Italiener zu entzünden vermocht. Und da nicht anzunehmen ist, daß die Parteipropagandisten noch sensationelle Neuheiten in Reserve halten, kann man schon jetzt sagen, daß dieser Wahlkampf der ruhigste in der parlamentarischen Geschichte der jungen italienischen Republik ist.

Neu ist auch, daß sich zum erstenmal die Ortsverbände, der Parteien nicht mehr um die wortgewaltigen Parteigrößen reißen: Sie ziehen es vor, junge Fachleute über Spezialfragen referieren und über politische Probleme sprechen zu lassen. Dieser Wahlkampf ist somit auch eine Götterdämmerung für die großen Redner, die früher die Massen rührten und begeisterten.

Aber auch das spielt bei dem Wettlauf um die Gunst des Wählers eine Rolle: Das italienische Wirtschaftswunder hat in der Wählerschaft zu tiefen Veränderungen geführt. Zwei Millionen junge Wähler gehen zum erstenmal zur Urne. Nicht alle von ihnen sind – wie noch die junge Generation bei den Wahlen von 1958 – vom Gespenst der Arbeitslosigkeit bedroht; sie sehen nicht mehr resigniert in die Zukunft. Hinzu kommt, daß zwei Millionen Italienerinnen heute in die Fabriken gehen oder in der Landwirtschaft die Stelle der Männer einnehmen, die Industriearbeiter geworden sind. Von vier oder fünf Millionen, die ihre wirtschaftliche Position verändert haben, ist der größere Teil vom einfachen Landarbeiter im Süden des Landes zum angelernten Fabrikarbeiter in den Großstädten des Nordens aufgerückt.

Werden sich nun diese soziologischen Veränderungen zugunsten der Democrazia Cristiana, der großen katholischen Volkspartei, die seit Kriegsende Italien regiert, und ihrer Verbündeten auswirken? Die Christlichen Demokraten befürchten das Gegenteil. Sie sehen in diesem Emanzipierungsprozeß eher etwas Negatives, das den untergründigen Hang der Italiener zum Anarchismus wecken und die religiösen Bindungen lockern könnte.

Außerdem drohen die Grenzen zwischen dem Regierungslager und der linksextremen Opposition durch die „Öffnung nach links“, die von der Regierung Fanfani betrieben wird, auch durch die Audienz, die der Papst kürzlich dem hohen sowjetischen Funktionär Adschubej gewährte, in den Augen des einfachen Mannes zu verschwimmen. Schon im Januar 1963 brachte eine Meinungsumfrage dieses Ergebnis: Auf die Frage „Kann man gleichzeitig ein guter Linkssozialist und ein guter Katholik sein?“ antworteten 58 Prozent mit „Ja“. Im Jahre 1953 lautete das Ergebnis noch: 37 Prozent „Ja“ und 45 Prozent „Nein“. Es wurde auch gefragt, ob Kommunismus und Katholizismus vereinbar seien. 28 Prozent (gegenüber 21 Prozent im Jahre 1953) beantworteten die Frage positiv.