W. K., Füssing

Ein dickleibiger Herr mit Nasenklemme schwimmt neben mir. Das Wasser dampft und rumort. Die Schwefeldämpfe beißen in der Nase. „Wunderbar, nicht?“ pustet mein Nachbar. Die Wassertemperatur beträgt 37 Grad Celsius. Und obwohl über das Becken ein kalter Frühlingswind fegt, fühlt man sich wohlig. Aus schmalen Düsen spritzt ununterbrochen das heiße Quellwasser nach.

Mein Nachbar ist ein Prokurist aus Duisburg. Er hat steife Halswirbel, und sein Hausarzt hat ihm das bayerische Thermalbad Füssing verschrieben. Von Zeit zu Zeit taucht er seinen Kopf unter Wasser, damit seine Wirbel von der Kochsalz-Schwefel-Therme massiert werden. Aufgetaucht, erzählt er über neue Fertigungsmethoden bei Walzstahl. Ob er ahnt, daß er in einem Wasser schwimmt, für das sich die Staatsanwaltschaft interessiert?

Aus fast tausend Meter Tiefe quillt das Wasser nach oben, es enthält 23 Mineralien und ist im Juni 1950 vom Balneologischen Institut in München als „heilwirkend“ empfohlen worden. Daraufhin anerkannte das Bayerische Innenministerium die Therme als Heilquelle. Das heiße Wasser hat, wenn es aus dem Boden kommt, eine Temperatur von 52 Grad. Um es auf Körpertemperaturen zu bringen, baute man Kühlanlagen ein.

Daß der Weiler Füssing einmal einen solchen Aufschwung nehmen sollte, hatte wohl niemand zu hoffen gewagt, als in der Nacht zum 6. Februar 1938 auf dem Acker des Bauern Franz Ortner statt des gesuchten Öls ein heißer Wasserstrahl gen Himmel stieg und das Gestänge des Bohrturms verbog, den die Bayerische Mineralölindustrie hier aufgestellt hatte. Die Ingenieure verschlossen das Bohrloch enttäuscht mit einem Eisenpropfen und zogen davon. Der Bauer Ortner spannte seine Ochsen vor den Pflug und begann wieder Weizen auf dem zerwühlten Acker zu säen.

Neun Jahre später stach der Schwefelduft aus dem verstopften Bohrloch dem Arzt eines UNRA-Lagers in die Nase. Er ließ eine Badebaracke errichten – und damit war eigentlich schon der Grundstein zu „Europas größtem Thermalbad“ gelegt. Als die UNRA 1948 abzog, wußte die Bohrgesellschaft jedoch nicht so recht, was sie nun mit der Quelle anfangen sollte. Immerhin regte sie eine Untersuchung des Wassers an und bekam die verblüffende Nachricht, daß es sich um eine vorzügliche Kochsalz-Schwefel-Therme handele, die Rheuma, Ischias, Bandscheibenschäden und Lähmungen heilen könnte;

Die Bohrgesellschaft bot daraufhin dem bayrischen Staat für 300 000 Mark die Nutzung der Quelle an. Doch die sonst so cleveren Ministerialbeamten glaubten nicht an den Erfolg und lehnten ab. Da kam aus Deggendorf Alfons Haßfurter und kaufte die Quelle für 470 000 Mark.