Von Karl W. Boetticher

Die Reform des Aktienrechtes ist eines von jenen Bonner Themen, die zwar als wichtig und eilig bezeichnet werden, ohne daß aber eine solche Feststellung auf die Nachdrücklichkeit der Behandlung großen Einfluß hat. Eben heißt es wieder, man wolle bis zum Herbst einen Reformentwurf so weit vorbereitet haben, daß dem zuständigen Gesamtausschuß ein Bericht vorgelegt werden könne. Ob das gelingen wird, bleibt offen, wobei eine Schwierigkeit darin bestehen soll, die nötigen fachkundigen Juristen in den Parteien zu finden, die für diese Aufgabe freigestellt werden könnten.

Tatsächlich aber ist die Frage der Reform des Aktienrechtes allein aus den Augenwinkeln von Juristen so einfach nicht zu fassen. Sie nämlich können erst in Funktion treten, wenn ein passendes Konzept von dem vorliegt, was eigentlich eine Aktiengesellschaft ihrem Wesen nach heute ist, welche Beziehungen in ihr wirksam sind, wer da Verfügungsmacht in welchem Umfang auszuüben hat, und wie diese Verfügungsmacht und unter welchen Gesichtspunkten kontrolliert wird.

Die Antworten auf solche Fragen lassen sich leicht von unseren Vorurteilen her geben, und auf die letzte Frage läßt sich juristisch einwandfrei die platte Selbstverständlichkeit verkünden: Die Aktiengesellschaft gehört den Aktionären. Wie könnte es anders sein, wo wir die Aktionäre doch als die Eigentümer der AG definieren. Da wir es tun, sind sie es. – Sind sie es unter dem Gesichtspunkt von dem, was wir Eigentum nennen, tatsächlich? Da tauchen die Zweifel auf.

Die normale Aktiengesellschaft noch der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurde von denen riskiert und geführt, die ihren Reichtum investiert hatten. Es gab ein paar Hauptaktionäre, und der eine oder der andere von ihnen stand dem gemeinsamen Geschäft vor. Für die kleinen täglichen Geschäftsvorfälle hielt man sich einen Geschäftsführer, einen Direktor, einen Generaldirektor. Doch war es die Aufgabe solcher Angestellten nicht, Entscheidungen zu treffen. Ihnen das einzuräumen, stand ein allgemeines Vorurteil entgegen, daß wirtschaftliche Erfolge von denen ausschließlich erwirkt werden können, die ihren privaten Vorteil suchen. Der private Vorteil von Direktoren aber konnte nur darin bestehen, die Eigentümer um die Ergebnisse ihrer Investitionen zu bringen, sie also in nicht zu auffälligen Grenzen zu berauben. Diese Mentalität fand sich in vollständiger Übereinstimmung mit den Prämissen der klassischen Nationalökonomie.

Beim Aufkommen der Aktiengesellschaften waren daher in der Tat und im rechten Sinne des Begriffs die Aktionäre die Eigentümer jener Anlagen, die sie mit ihrem Kapitaleinsatz geschaffen hatten oder unterhielten. Ihnen gehörten sie, und sie verfügten darüber. Eigentum, Verfügungsmacht und Risiko lagen in einer Hand. Es gab den Kleinaktionär nicht. Er konnte auch unter den gegebenen Vorstellungen nicht als eine Möglichkeit ins Auge gefaßt werden. Das Geschäft betrieben die paar Hauptaktionäre unter sich. Sie konnten jederzeit auch ihre Gesellschaft wieder auflösen. Das war weder problematisch noch selten.

Die Auflösung einer großen Aktiengesellschaft ist heute juristisch auch nicht weiter problematisch. Aber faktisch? – Walter Rathenau hat schon in den Jahren des Ersten Weltkrieges in seinem Beitrag „Über das Aktienwesen“ den Vorschlag gemacht, zu überlegen, was wohl geschehen würde, wenn eine unserer großen Aktiengesellschaften getreulich den Satzungen ihre Auflösung beschlösse.