Jetzt erst merkt man, wie unbedacht, ja naiv die Väter unserer Verfassung gewesen sind. Waren sie doch von der Vorstellung ausgegangen, der Bundeskanzler müsse vom Bundestag gewählt werden. Dieser Irrtum ist endlich korrigiert worden. Wir wissen jetzt, daß es sich hier um eine Aufgabe für Spezialisten handelt, die besondere Talente erfordert. Man nennt diese Leute Kanzlermacher.

Kanzlermacher kann nicht Hinz oder Kunz oder Ebert werden. Ebert schon darum nicht, weil er bereits mit neun Jahren mittels Buntpapier Plakate beklebte, auf denen man dann Arbeiter rote Fahnen schwenken und die Fäuste ballen sah. Seitdem gilt er – leider hat das Herr Dufhues noch nicht gemerkt – als linksintellektuell. Was in Deutschland ungefähr dasselbe ist wie in Italien dem rechten Flügel der christlichen Demokraten anzugehören. (Gibt es eigentlich auch Rechtsintellektuelle?)

Wer zum Kanzlermacher berufen wird, der muß eine Voraussetzung unbedingt erfüllen: Er darf weder die geringsten Qualifikationen noch Aussichten haben, selbst jemals Kanzler zu werden. Deshalb kann man nur hoffen, daß die Zahl der Kanzlermacher nicht auf drei beschränkt bleibt. Daß mich niemand zum Kanzlermacher, ja nicht einmal zum Kanzlermacher-Macher machen würde, hat noch einen anderen Grund. Dazu braucht man nämlich starke, unbeugsame Charaktere; verschlossene, sorgsam wägende Persönlichkeiten; Männer von unbedingter Redlichkeit und Lauterkeit. Also eben Männer wie Brentano oder Dufhues. Oder Strauß.

Vielleicht machen die noch solange den Kanzler, bis da gar nichts mehr zu machen ist.

Übrigens Strauß. über den großen Strauß hat man beinahe den kleinen vergessen. Und über den Fall des Ministers den Fall der beiden Staatssekretäre Strauß und Hopf.

Dabei fällt mir ein alter Ufa-Film um die Prinzessin Turandot ein. Darin wurde den abgeschlagenen Bewerbern um die Hand der Prinzessin der Kopf nur zum Schein abgeschlagen – von der Öffentlichkeit verborgen lebten sie in einem paradiesischen Garten munter fort. Ähnlich hält man es auch in Bonn mit den beiden Staatssekretären, die im Spätherbst wegen ihrer fragwürdigen Teilnahme an der Spiegel-Aktion in einer Form beurlaubt wurden, die eigen dich jede Rückkehr in ihr Amt ausschloß.

Sie sind auch nicht wiedergekehrt. Sie sind erst gar nicht fortgewesen. Walter Strauß ist, wie vom Justizminister kürzlich bestätigt wurde, immer noch im Amt und fährt sogar noch seinen Dienstwagen (den allerdings für Straßburg). Im Justizministerium aber wird er nicht beschäftigt – das ist der feine Unterschied – sondern er beschäftigt sich, wie Herr Bucher sagte, selbst! Und das ist für mich die erstaunlichste Aussage über einen Beamten, die ich jemals gehört habe. Sie eröffnet Perspektiven, die man nur ahnen kann. Immerhin: diesen Strauß verlieren wir nun tatsächlich, und zwar an den Europäischen Gerichtshof.