Von Thilo Koch

Miami im April

Queremos luchar“, sagt Dr. José Miro-Cardona, der Präsident des Cuban Revolutionary Council. „Wir wollen kämpfen“, fügt er in einem harten, grollenden Englisch hinzu. Sie wollen kämpfen, die Castro-Flüchtlinge, die im amerikanischen Staate Florida leben. Sie wollen hier gar nicht eine zweite Heimat finden; sie möchten lieber heute als morgen nach Kuba zurückkehren – kämpfend, wie sie immer wieder versichern.

Präsident Miro-Cardona lebt in einem bescheidenen zweistöckigen Steinhaus in der Michigan Avenue in Miami Beach. Über die kleine Veranda, durch den hübschen subtropischen Garten, bewegen sich ohne Unterlaß Kubaner, die dem Präsidenten Ratschläge erteilen wollen, irgendeine Aktivität von ihm verlangen oder hören möchten, daß die Stunde des Losschlagens nicht mehr fern sei. Ein Sohn Miro-Cardonas gehörte zu jenen 1113 Gefangenen, die Castro kurz vor Weihnachten gegen ein Lösegeld von 53 Millionen Dollar freiließ. „Es ist Tatsache, jeder der armen Jungs kostete uns 47 619 Dollar“, sagt einer der amerikanischen Beamten im Freedom Tower.

Dieser kleine Wolkenkratzer in der Innenstadt von Miami ist eine Nachbildung der Giralda in Sevilla. Hier wurde in den vergangenen Jahren das Flüchtlings-Notaufnahme-Verfahren abgewickelt. Hier gab es ähnliche Probleme wie in Berlin-Marienfelde. Der entscheidende Unterschied: die kubanischen Flüchtlinge kamen in ein fremdes Land, sie begegneten einer fremden Sprache. Nur eine kleine Minderheit spricht Englisch, und überraschend wenig Exilkubaner sind gewillt, Englisch zu lernen. 160 665 Kubaner wurden hier bis zum Stichtag 21. Februar 1963 registriert. Etwa 20 000 weitere kubanische Flüchtlinge kamen illegal in die Vereinigten Staaten. 55 742 Personen konnten umgesiedelt werden und leben heute in 1105 Städten und in über 49 Staaten der USA verteilt. Der Rest der Registrierten, also 105 000, blieb in Miami und will auch hier bleiben. Daraus geht hervor, daß nur ein Drittel der kubanischen Flüchtlinge bereit ist, sich in den USA zu assimilieren. Zwei Drittel nehmen eine oftmals recht klägliche Flüchtlingsexistenz in Miami in Kauf, weil sie sich hier ihrer Heimat noch am nächsten fühlen können. Sie alle betrachten ihr Exil als vorübergehend.

Am Wochenende übt am Stadtrand von Miami das „Bataillon Antonia Maseo“. Es ist eine freiwillige Miliz von etwa 100 Mann, die mit finsterem Ernst exerzieren. „Queremos luchar“ – das ist der Refrain all ihrer Bemerkungen. Das Bataillon gleicht einer „Volkssturm“-Einheit. Leidliche Uniformen, ziviles Schuhwerk, sehr junge und recht alte Freiwillige. Die Führer sparen nicht mit Pathos. Die kubanische Fahne sei die schönste der Welt, weil sie am meisten leide, sagen sie. „Wir sind ein kleines Bataillon, aber wir haben ein großes Herz.“ „Una Cuba libre – per hombres libres.“ Sie meinen, was sie sagen.

Ihre Kameraden attackieren mit kleinen Booten die 150 km entfernte Küste Kubas und beschießen willkürlich Ziele, von denen sie sich Schlagzeilen in der amerikanischen Presse versprechen. Sie wissen, daß sie ihr Leben riskieren. Sie betrachten dieses Risiko als den einzigen Sinn ihres Lebens. Präsident Kennedy hat sie mit seinem Wort von der Fahne der Invasionseinheit, die 1961 gefangengenommen wurde, in ihrem fanatischen Kampfeseifer bestärkt. Diese Fahne, so sagte der Präsident der Vereinigten Staaten bei der Kundgebung für die heimgekehrten Gefangenen in der Orange Bowl von Miami, werde eines Tages wieder über einem freien Havanna wehen. Dr. Miro-Cardona glaubt an diesen Zuruf.