Mainz hat die Vorgabe an Sympathie schon vor Sendebeginn ziemlich strapaziert

Von Wolf Jobst Siedler

Das Zweite Fernsehen ist das Erzeugnis der Niederlage Adenauers. Was seit dem 1. April ein paar Stunden täglich aus Mainz kommt, wäre ohne den Triumph der sozialdemokratischen Länder über den Bund nicht denkbar. An der Wiege jenes Zweiten Programms, das am Montag voriger Woche mit emotional beflügelten und zugleich unaufhörlich um Nachsicht (für etwaige Unvollkommenheiten) bittenden Reden eröffnet wurde, stand als Amme ein Bundesrichter. Ein etwas ungewöhnlicher Vorgang, der einen förderlichen Einfluß auf die Gemütsverfassung der Öffentlichkeit haben müßte.

Denn gegen jenes Deutschland-Fernsehen, das Adenauer dem Apparat-Besitzer zugedacht hatte, rebellierten nicht nur die Verfassungsrechtler. Dieses Fernsehen stimulierte auch die Schriftsteller Deutschlands zu einer Resolution, die in das drohende Versprechen der Nicht-Mitarbeit, der absoluten und vollkommenen literarischen Enthaltsamkeit mündete.

Mit dem Argument der Freiheitsfeindlichkeit eines Bundesfernsehens sieht es nach der inzwischen verflossenen Zeit allerdings ein wenig anders aus: Die Perspektive, die damals schreckte, hat seit den Wahlergebnissen der letzten anderthalb Jahre einige freundliche Züge zur Erscheinung gebracht, und angesichts sich auftuender Möglichkeiten sind es mittlerweile nun Kreise der CDU, die sich von sonderbaren Empfindungen hinsichtlich einer mittelbar von der Bundesregierung kontrollierten Fernsehanstalt angewandelt fühlen. Dies sind die Überraschungen, die der Lauf der Dinge für den Beobachter bereithält.

Die Dinge sind auch in anderem Betracht wunderlich gelaufen. Der Enthusiasmus für die Anstalt, die das Bundesverfassungsgericht (und mit ihm die Länder) der Regierung abtrotzten, hat nicht lange vorgehalten. Der Frohgemut der Öffentlichkeit hat sich in Mißmut verwandelt, und die Vorgabe an Sympathie hat ironischer Skepsis Platz gemacht, schon bevor das erste Bild ausgestrahlt wurde. Die bestehenden Sender, öffentlich-rechtlich organisiert und den einzelnen, Ländern zugeordnet, frohlocken schon seit Monaten über jede Hiobsbotschaft aus Mainz, dem doch auch auf Länderebene aufgebauten Konkurrenzunternehmen.

Als die Premierennacht gekommen war, saßen zwei Intendanten bester Dinge beisammen und skizzierten das Auffanglager, in das man die Mainzer Deserteure zur Bewährung zu schicken gedenkt. Die Laune ist gut, und sie nährt sich aus der vermuteten Katastrophe Professor Holzamers. Der Blick auf die Röhre ist von gelassener und zuversichtlicher Verachtung. Es könnte nicht anders sein, wenn Adenauer damals vor Gericht gesiegt hätte.